Zweidimensionale Materialien weisen im Vergleich zu ihren dreidimensionalen Bulk-Pendants neuartige physikalisch-chemische Eigenschaften auf, was sie für elektronische, optoelektronische und katalytische Anwendungen prädestiniert. Während sich das Screening bisher primär auf intrinsisch geschichtete van-der-Waals-Kristalle konzentrierte, hat ein Forschungsteam des HZDR und der TU Dresden ein universelles Rechenverfahren entwickelt, das auch in nicht geschichteten, dreidimensional vernetzten Kristallstrukturen bevorzugte Trennebenen identifiziert. Bei der Evaluation von über 24.000 bekannten Kristallstrukturen wurden 2.531 potenziell exfolierbare 2D-Kandidaten lokalisiert.
Methode: Das eXfoliation and Cleavage Potential (XCP)
Seit der Isolierung von Graphen im Jahr 2004 fokussierte sich die Entwicklung 2D-funktionaler Materialien vorrangig auf van-der-Waals-Systeme mit schwachen interchalcogeniden oder dispersiven Interlayer-Wechselwirkungen. In Festkörpern mit dreidimensional kovalenten oder ionischen Bindungsnetzwerken war die Vorhersage energetisch begünstigter Spaltbenen bislang numerisch aufwendig und methodisch limitiert.
„Die Auswahl geeigneter Ausgangsmaterialien für Experimente beruhte bei dieser noch jungen Materialklasse häufig auf Erfahrung und Intuition“, erläutert Dr. Rico Friedrich. „Mit unserem universellen Verfahren können wir nun für jedes Material untersuchen, an welchen Stellen sich ein Kristall bevorzugt spalten lässt und ob dabei eine stabile zweidimensionale Struktur entstehen kann.“
Das neu entwickelte Modell nutzt das sogenannte eXfoliation and Cleavage Potential (XCP). Dieses evaluiert die spezifischen Bindungsstärken auf Basis der chemischen Konstitution und der interatomaren Abstände, anstatt sich rein auf geometrische Ebenenabstände zu stützen. Zwei gekoppelte Algorithmen identifizieren dabei entweder energetisch bevorzugte Spaltebenen oder eliminieren schrittweise die schwächsten Bindungen im Gitter, wodurch auch atomar raue beziehungsweise korrugierte Grenzpflanzensektionen erfasst werden.
„Elektronische Strukturrechnungen für jede denkbare Oberfläche wären ausgesprochen aufwendig“, sagt Tom Barnowsky. „Unser effizientes Modell kann große Materialdatenbanken dagegen mit minimalem Rechenaufwand durchsuchen. Detaillierte Berechnungen sind erst für die besonders vielversprechenden Treffer erforderlich.“ Validierungstests an etablierten 2D-Referenzsystemen bestätigten die Genauigkeit der Prädiktion der bevorzugten Klüftungsebenen. Das Verfahren steht als Open-Access-Web-Tool zur Verfügung.
Durchsatz-Analyse und Stabilitätsbewertung
Die Anwendung des XCP-Protokolls auf über 24.000 nicht-schichtförmige Kristallstrukturen aus experimentellen Materialdatenbanken führte zur Selektion von 2.531 prädisponierten Kandidaten. Als Auswahlkriterien dienten die Stöchiometrieerhaltung beim Exfoliationsprozess sowie günstige Bindungsverhältnisse zur Ausbildung stabiler Low-Dimensionality-Phasen. Nachfolgende Ab-initio-Berechnungen bestätigten für den Großteil des Kandidatenpools geringe Exfoliationsenergien sowie eine hohe dynamische und thermodynamische Phasenstabilität. Ob diese Prädiktionen synthetisch und präparativ realisierbar sind, ist Gegenstand zukünftiger experimenteller Validierungen.
Neuartige elektronische und magnetische Eigenschaftsprofile
Die identifizierten Strukturtypen erweitern das chemische Spektrum bekannter 2D-Datenbanken signifikant. Die Modellierungen belegen fundamentale Änderungen der elektronischen Bandstruktur beim Übergang vom Bulk zum Monolayer: Mehrere prognostizierte Verbindungen zeigen einen Halbleiter-Metall-Übergang oder bilden direkte Bandlücken aus, was für optoelektronische Bauteile von Relevanz ist. Zudem wurden magnetische Phasen identifiziert, die Einsatzpotenziale in der Spintronik bieten. „Unsere Ergebnisse erweitern den Horizont für zweidimensionale Materialien erheblich“, fasst Friedrich zusammen. „Das Verfahren liefert keine Garantie, dass sich jeder Kandidat im Labor herstellen lässt. Es zeigt aber, bei welchen Kristallen der experimentelle Aufwand besonders lohnenswert sein kann.“
Quelle
Helmholtz-Zentrum Dresden-Rossendorf (10/2026)
Publikation
T. Barnowsky, C. Timm, R. Friedrich: High-Throughput Prediction of Exfoliable Non-van der Waals Materials from a Universal Potential, Nature Communications (2026). (DOI: 10.1038/s41467-026-76806-8) (DOI: 10.1038/s41467-026-76806-8)
https://doi.org/10.1038/s41467-026-76806-8