Neue Erkenntnisse zur altägyptischen Einbalsamierung aus Molekülanalysen und historischen Schriftquellen

29. Oktober 2026

Zur Rekonstruktion der von den alten Ägyptern verwendeten Einbalsamierungsmaterialien und deren chemischer Zusammensetzung über Jahrtausende hinweg verbindet ein interdisziplinäres Forschungsteam der Philipps-Universität Marburg moderne Naturstoffanalytik mit Ägyptologie und Pharmaziegeschichte. Durch die Kombination molekularer Analysen mit der Auswertung historischer Schriftquellen gewinnt die Studie neue Erkenntnisse über den Einsatz pflanzlicher Inhaltsstoffe bei der Mumifizierung und eröffnet zugleich neuartige methodische Ansätze für die Sammlungs- und Provenienzforschung.

Phytochemischer Nachweis von Aloe-Inhaltsstoffen in historischen Proben

Die altägyptische Mumifizierung umfasste neben der Dehydratisierung und teilweisen Eviszeration den gezielten Einsatz organischer und mineralischer Stoffgemische. Chemische Vorarbeiten wiesen primär Koniferenharze und -teere, Pistazienharze, Pflanzenöle, Talg, Bienenwachs, Bitumen sowie exotische Harze wie Elemi oder Dammar nach. Offen blieben bisher spezifische Botano-Taxonomien, chronologische und regionale Rezepturvariationen sowie die exakte Zuordnung historischer Quellentexte zu botanischen Rohstoffen.

Die Marburger Studie liefert hierzu neue Befunde: Zur Analyse gelangten 24 Objekte aus Universitäts- und Museumssammlungen, darunter ein mittels Radiokarbonmethode auf das 8. Jahrhundert v. Chr. datierter Mumienkopf aus der Zoologischen Sammlung Marburg. Mittels chemischer Analysen der Einbalsamierungsrückstände dieses Schädels sowie eines historischen Mumia vera aegyptiaca-Präparats aus dem 18. Jahrhundert (Deutsches Apotheken-Museum, Heidelberg) wurden charakteristische Phytochemikalien der Gattung Aloe identifiziert. Die Struktur von Aloeresin A konnte über einen authentischen Referenzstandard zweifelsfrei bestätigt werden.

„Dieser Befund ist aus zwei Gründen besonders interessant: Bislang gab es keine vergleichbaren molekularen Nachweise für die Verwendung von Aloe bei der altägyptischen Einbalsamierung. Gleichzeitig wurde Aloe bereits in mittelalterlichen Schriftquellen mit Mumienmaterial in Verbindung gebracht, das als Arzneimittel verwendet wurde. Eine mögliche Erklärung war bisher, dass diese Vorstellungen auf spätere Überlieferungen zurückgingen, möglicherweise beeinflusst durch biblische Textstellen wie Johannes 19,39, da detaillierte Kenntnisse der altägyptischen Einbalsamierungspraktiken im Mittelalter weitgehend verloren gegangen waren. Unsere neuen Ergebnisse eröffnen nun die Möglichkeit, dass diese Verbindung tatsächlich ältere historische Wurzeln hat“, erläutert Prof. Dr. Tanja Pommerening.

In der Nomenklatur historischer Quellen bezeichnete „Aloe“ mitunter auch das Holz von Aquilaria-Arten (Adlerholz). Die nachgewiesenen Molekülstrukturen belegen jedoch spezifisch Produkte der Gattung Aloe. Die genaue Spezies bleibt spektroskopisch derzeit unbestimmt. Re-Evaluationen altägyptischer Texte rückten den Terminus ꜥnḫ-jm.j in den Fokus, welcher phänomenologisch mit einem Aloe-Exsudat korrelieren könnte, wenngleich eine eindeutige Zuordnung aussteht. Da die Marker nur in zwei von 24 Proben detektiert wurden, deutet dies auf spezialisierte oder epochenspezifische Rezepturen hin.

Untargeted Metabolomics zur Rekonstruktion von Objekthistorien

Über den Nachweis von Inhaltsstoffen hinaus nutzte das Team ungezielte Metabolomik-Analysen (Untargeted Metabolomics) zur vergleichenden Profilierung von Proben des Deutschen Apotheken-Museums. Unter Einsatz computergestützter und KI-basierter Evaluierungsalgorithmen wurden molekulare Fingerabdrücke verglichen. Dabei zeigte sich eine prägnante Übereinstimmung der Stoffprofile zwischen einem mumifizierten Kopf und einer separat inventarisierten Pulverprobe. Dies belegt einen ursprünglichen materiellen Zusammenhang der Objekte, welcher archivalisch nicht dokumentiert war. Der metabolomische Profilvergleich stellt somit ein valides Werkzeug für die naturwissenschaftlich gestützte Provenienzforschung dar, welches chemische Evidenzen für sammlungsgeschichtliche Validierungen liefert.

Profilierung und Biotests historischer Mumia vera aegyptiaca-Präparate

Die Analysen der historischen Arzneidroge Mumia vera aegyptiaca zeigten eine ausgeprägte chemische Heterogenität zwischen verschiedenen Präparaten. Durchgehend nachweisbar waren jedoch Abbauprodukte gealterter Koniferenharze, für deren Komponenten literaturbekannte antimikrobielle Eigenschaften beschrieben sind.

In vitro-Screenings zur biologischen Aktivität ergaben für einen Extrakt der Marburger Wigand’schen Drogensammlung eine moderate zellprotektive Wirkung gegenüber durch Influenzaviren induzierten Schäden. Das isolierte Hauptderivat 7-Oxodehydroabietinsäure zeigte diesen Effekt in Reinform nicht, womit die wirkbestimmenden Synergismen oder Substanzen Gegenstand weiterer pharmakologischer Evaluierungen bleiben. Eine direkte viruzide Wirkung oder eine klinische Wirksamkeit am Menschen lässt sich daraus nicht ableiten, wenngleich historische Indikationsgebiete Atemwegserkrankungen umfassten.

Synergie von Molekularanalytik und Philologie

Die Ergebnisse unterstreichen den wissenschaftlichen Mehrwert einer methodischen Kopplung von hochauflösender Analytik und philologischer Textkritik: Spektroskopische Daten liefern neue Interpretationsansätze für historische Nomenklaturen, während altorientalische Quellen den begrifflichen Kontext für die Einordnung komplexer Datenstrukturen bereitstellen.

„Langfristig möchten wir damit einen Forschungsansatz etablieren, der historische Schriftquellen, archäologische Objekte und moderne Naturstoffanalytik miteinander verbindet. Ziel ist es, nicht nur die chemische Zusammensetzung früher Arzneimittel und Einbalsamierungsmaterialien zu untersuchen, sondern auch ihre Herstellung, Verwendung und historische Überlieferung sowie kulturelle Einbettung besser zu verstehen“, führt Prof. Dr. Raphael Reher.

Quelle

Philipps-Universität Marburg (10/2026)

Publikation

T. Berger,A. Naimi,K. Hardes,C. Sachße,R. Gericke,M. Marner,F. Mühlemeyer,T. Pommerening, & R. Reher,
New molecular and historical evidence on ancient Egyptian embalming,
Proc. Natl. Acad. Sci. U.S.A. 123 (45) e2624362123, (2026)
https://doi.org/10.1073/pnas.2624362123.

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