Das Durchleiten von elektrischem Strom durch Moleküle kann lokale Magnetfelder induzieren. Diese Felder sind experimentell meist zu schwach für einen direkten Nachweis.
Forschende am Institute of Science and Technology Austria (ISTA) nutzen theoretische Modellierungen zur Optimierung molekularer Elektromagnete. Sie zeigen, wie Quanteneffekte einzelne organische Moleküle in effektive Magnete verwandeln können.
Das Problem der Feldstärke im Nanomaßstab
Elektromagnete sind temporär steuerbare Magnete. Sie sind essenziell für elektronische Bauteile, MRT-Geräte oder Elektromotoren. Im Nanobereich lassen sich einzelne Moleküle als Elektromagnete designen. Die resultierenden Felder in Ein-Molekül-Schaltkreisen blieben bisher jedoch meist unter der experimentellen Nachweisgrenze. „Wie stark müsste ein Magnetfeld sein, um eine Festplatte zu löschen?“, fragt Venkataraman Shi, als sie ihre Resultate besprechen. Diese Frage verdeutlicht die Diskrepanz zu makroskopischen Systemen. „Mindestens etwa 0,5 Tesla.“, antwortet Shi. Dies entspricht der halben Feldstärke eines Schrottplatzmagneten. „Das erscheint viel im Vergleich zu dem, was unsere Ein-Molekül-Elektromagneten leisten können“, meint Venkataraman. Kühlschrankmagnete besitzen Feldstärken von rund fünf Millitesla. Ein-Molekül-Elektromagnete müssen für praktische Elektronikanwendungen ähnliche Skalen erreichen.
Untersuchung der Leitpfade in Nanohoops
Ein Nanostromkreis besteht aus Gold-Elektroden und einem dazwischen gekoppelten organischen Molekül. In Vorarbeiten analysierte das Team an der Columbia University die Leitfähigkeit ringförmiger Kohlenwasserstoffe, sogenannter Nanohoops. „Nachdem wir ans ISTA kamen, begann ich, über den Weg des Stroms in solchen Nanohoops nachzudenken“, sagt Shi. „Eine zentrale Frage war, ob überhaupt ein Strom durch den Ring fließt oder ob er einfach von einer Elektrode direkt zur anderen geleitet wird.“ Das resultierende Magnetfeld ist proportional zur Stromstärke des zirkulierenden Ringstroms.
Verstärkung und Steuerung durch Quanteninterferenz
Zur Untersuchung der Strompfade diente ein theoretisches Modell des Nanohoops zwischen zwei Goldelelektroden. „Die Menschen, die ein- und aussteigen, repräsentieren den Strom, der in die Elektroden hinein- und aus ihnen herausfließt, während die Fahrgäste auf dem Rad den größeren Strom darstellen, der im Nanohoop kreist“, erklärt Venkataraman. Während der Strom zwischen den Elektroden durch die Quantelung des Leitwerts limitiert ist, gilt dies nicht für den zirkulierenden Ringstrom.
Berechnungen zeigten, dass Quanteninterferenz in der Nähe energetisch entarteter Resonanzen den Ringstrom massiv verstärkt. Zudem lässt sich die Stromrichtung im Ring unabhängig vom äußeren Quellstrom umkehren. „Wir haben festgestellt, dass sich ausschließlich der Strom im Nanohoop umkehrt und verstärkt, obwohl wir Richtung und Stärke des Stroms zwischen den Elektroden nicht verändern“, sagt Venkataraman. „Mithilfe der Quanteninterferenz können wir die Stromstärke im Ring regulieren und steuern, ob er im Uhrzeigersinn oder gegen den Uhrzeigersinn fließt – einfach durch Anpassen einer Gate-Spannung.“
Hohe Feldstärken durch Fullerene
Zur präzisen Kontrolle der Effekte modellierte das Team eine sphärische C_60-Buckminsterfulleren-Struktur. Durch gezieltes Positionieren der Elektrodenkontakte zirkuliert der Strom in der gesamten Kugel. Bei einer Source-Drain-Spannung von 100 Millivolt prognostiziert das Modell ein Magnetfeld von über 14 Millitesla. Dies übertrifft die Feldstärke eines Kühlschrankmagneten um das Dreifache. „Unsere Arbeit liefert Gestaltungsprinzipien, um ein einzelnes Molekül durch Ausnutzung seiner Struktur und der relevanten Quanteneffekte in einen effektiven Elektromagneten zu verwandeln“, sagt Shi.
Quelle
Institute of Science and Technology Austria (07/2026)
Publikation
Wanzhuo Shi, Richard Korytár, Ferdinand Evers, John D. Tovar, Latha Venkataraman. 2026. Designing Effective Single-Molecule Electromagnets with Radially π-Conjugated Carbon Structures. Nature Communications. DOI: 10.1038/s41467-026-74365-6
https://doi.org/10.1038/s41467-026-74365-6