Die enzymatische Biokatalyse ermöglicht die umweltfreundliche Synthese pharmazeutischer Wirkstoffbausteine und komplexer Feinchemikalien unter Einsparung toxischer Metallkatalysatoren und thermischer Energie. Für den großtechnischen Einsatz in kontinuierlichen Verfahren müssen Biokatalysatoren jedoch in stabiler, gut dosierbarer und lagerfähiger Form vorliegen. Forschende des Karlsruher Instituts für Technologie (KIT) um Professor Christof Niemeyer haben hierfür das Konzept der All-Enzyme Hydrogels (AEHs) zu millimetergroßen, trägerfreien Protein-Beads weiterentwickelt.
Bei klassisch immobilisierten Enzymen verringert inaktives Trägermaterial oft die Raum-Zeit-Ausbeute. Das AEH-System nutzt hingegen gentechnisch fusionierte, komplementäre Bindemodule an den Enzymen, die eine zielgerichtete Selbstassemblierung zu dreidimensionalen Katalysatornetzwerken initiieren. „Treffen die komplementären Bausteine aufeinander, organisieren sie sich selbst zu dreidimensionalen Proteinnetzwerken“, erklärt Niemeyer. „Die Enzyme sind somit gleichzeitig Katalysator und Baustoff der Kügelchen – ein großer Vorteil gegenüber herkömmlichen Verfahren. Wir vermeiden inaktives Trägermaterial und steigern die Effizienz der gewünschten chemischen Reaktion.“
Kryo-Formulierung und Prozessstabilität im Durchflussreaktor
Die Formgebung der Hydrogel-Partikel erfolgt über ein zweistufiges Verfahren: Nach dem Mischen der rekombinanten Enzymkomponenten in liquider Phase werden die emulgierten Tropfen schockartig in flüssigem Stickstoff kryofixiert. Die anschließende Lyophilisation führt zu mechanisch stabilen, makroporösen Protein-Beads definierter Korngröße. Nach Rehydratation stehen die Biokatalysatoren für den Einsatz in Reaktionssystemen zur Verfügung.
Das Verfahren erweist sich als universell anwendbar für Monokatalysen sowie für Kaskadenreaktionen aus Multi-Enzym-Systemen mit oder ohne Kofaktor-Regenerierung. „Je nach gewünschter Reaktion kann man die Zusammensetzung des Materials anpassen“, erläutert Niemeyer. „Das ist eine Art Baukastensystem: Wir können unterschiedliche Enzymbausteine über definierte Bindemodule zu katalytischen Netzwerken zusammensetzen und diese anschließend in eine gut handhabbare Partikelform überführen.“ In kontinuierlich betriebenen Durchflussreaktoren demonstrierten die AEH-Beads eine hohe Katalysestabilität über mehrstündige Betriebszeiten.
Hybride Zell-Enzym-Systeme für komplexe Synthesen
In einem erweiterten Ansatz integrierte das Team lebensfähige Escherichia coli-Zellen in die Matrix der Enzymnetzwerke. Diese hybriden Materialien nutzen die zelluläre Maschinerie zur In-situ-Bereitstellung von Stoffwechselintermediaten und metabolischen Äquivalenten. Selbst nach vierwöchiger Trockenlagerung bei Raumtemperatur wiesen die Hybrid-Beads eine hohe Restaktivität auf; katalytische Funktionalitäten blieben noch nach fünf Monaten messbar. Zudem ließ sich die Rekultivierung lebensfähiger E. coli-Zellen aus den Partikeln bei vollständigem Erhalt der genetischen Integrität nachweisen.
„Mit den Hybridbeads verbinden wir zwei Formen der Biokatalyse, die normalerweise getrennt betrachtet werden“, sagt Niemeyer. „Wir können darin einzelne Enzyme gezielt miteinander kombinieren und zugleich die Fähigkeiten lebender Zellen nutzen. So entsteht ein Material, das beide Ansätze miteinander verbindet und sich einfach handhaben lässt.“ Die Anwendungsfelder dieser bioorthogonalen Werkstoffe erstrecken sich von der Feinchemikaliensynthese über Aromastoffe bis hin zur Herstellung hochreiner pharmazeutischer Zwischenprodukte.
Quelle
Karlsruher Institut für Technologie (09/2026)
Publikation
Jennifer Kühne, Julian S. Hertel, André Delavault, Judith Felk, Martin Peng, Lara Reuber, Felix Ott, Kim Wanner, Marc F. Münker, Adrian Neukirch, Alexei Kiselev, Kersten S. Rabe, Christof M. Niemeyer: Programmable Carrier-Free All-Enzyme Beads for Modular Continuous-Flow Biocatalysis. Advanced Materials, 2026. DOI: 10.1002/adma.75120
https://doi.org/10.1002/adma.75120
Marius Stoeckle, Kersten S. Rabe, Christof M. Niemeyer: Self-Assembled Hybrid Cell-Enzyme Materials for Gas-Powered Biocatalysis. Advanced Functional Materials, 2026. DOI: 10.1002/adfm.78174
https://advanced.onlinelibrary.wiley.com/doi/10.1002/adfm.78174