Ein bestimmtes Protein steuert den mRNA-Transport in Pilzen und unterscheidet dabei wichtige von unwichtigen Bindestellen in den transportierten mRNAs – ein Mechanismus, den Forschende aus Würzburg und Düsseldorf nun entdeckt haben. Da Zellen hochkomplexe Logistikzentren sind, hängt ihr Überleben von einer fehlerfreien Verteilung ihres Baumaterials ab, wofür die Bauanleitungen, die mRNA-Moleküle, zielgerichtet an ihren Bestimmungsort gelangen müssen. In den fadenförmigen Hyphenzellen des pathogenen Pilzes Ustilago maydis geschieht dies durch das sogenannte „Vesicle Hitchhiking“: Die mRNA-Moleküle springen wie Anhalter auf kleine Transportbläschen, die Endosomen, auf. Hierbei fungiert das Protein Rrm4 als Lademeister, der die mRNA-Pakete erkennt und sie mit den Endosomen verknüpft, welche sich wie Züge auf den Schienen des Zellskeletts durch die Zelle bewegen.
Logistik der Pilzzelle: Forscher entschlüsseln den mRNA-Anhalter-Code
Forschende der Julius-Maximilians-Universität Würzburg (JMU) und der Universität Düsseldorf untersuchten diesen Mechanismus nun im Detail und veröffentlichten ihre Ergebnisse im Fachmagazin Nucleic Acids Research. Dabei stellte das Team fest, dass das Protein Rrm4 insbesondere die Bauanleitungen für das Zellskelett selbst transportiert. Ist dieser Prozess gestört, verliert der Pilz seine Orientierung, was zu Fehlbildungen statt geordneter Pilzfäden führt. Die Entschlüsselung dieses „Anhalter-Codes“ legt offen, wie Zellen ihre interne Logistik präzise organisieren, um einen geordneten mRNA-Transport über weite Strecken innerhalb der Zelle zu gewährleisten.
Den Code der Bindungsstellen knacken
„Uns gelang es mit einem innovativen vergleichenden Verfahren, die Interaktion zwischen dem Protein Rrm4 und der mRNA mit höchster Präzision zu analysieren. In den Datensätzen konnten wir über 50.000 Bindestellen identifizieren“, so Professorin Kathi Zarnack.
Die Analyse der drei Bindungsdomänen des Proteins offenbarte dabei ein differenziertes System, bei dem die Tandem-Domänen RRM1 und RRM2 den essenziellen Kern des Transportsystems bilden und für das zielgerichtete Wachstum der Pilzzelle entscheidend sind. Im Gegensatz dazu fungiert die RRM3-Domäne als eine Art Postleitzahl-Erkenner; obwohl sie mit über 10.000 Stellen die meisten Bindungen eingeht, erwies sie sich für das grundlegende Wachstum als weitgehend entbehrlich, kann jedoch das Zusammenspiel der anderen Domänen stabilisierend unterstützen.
„Unsere Daten zeigen einen Paradigmenwechsel in der Sichtweise auf molekulare Bindungen auf“, erklärt die Bioinformatikerin. „Die im Experiment am stärksten sichtbaren Bindungen, wie jene der RRM3-Domäne, sind nicht zwangsläufig die funktional wichtigsten.“ Demnach nutzt die Zelle ein abgestuftes System, in dem RRM3 als unterstützendes Zubehör dient, während RRM1 und RRM2 die Identifikation der entscheidenden mRNAs steuern.
Evolutionäre Brücke: Von Pilzen zu menschlichen Nervenzellen
Die Bedeutung dieser Entdeckung reicht weit über die Pilzforschung hinaus, da die Evolution erfolgreiche zelluläre Logistiksysteme oft über Millionen von Jahren beibehält. Aus diesem Grund betrachtete das Forschungsteam auch ein System in menschlichen Nervenzellen, das für ähnliche Transportaufgaben zuständig ist. „Die Ähnlichkeit zwischen dem pilzlichen System und menschlichen Zellen ist verblüffend“, ergänzt Professor Julian König. Die Studie stellt somit einen wesentlichen Fortschritt für die Entschlüsselung allgemein gültiger RNA-Bindungsdynamiken dar. „Das neue Wissen über die Unterscheidung zwischen funktionalen und rein begleitenden Bindestellen ermöglicht es künftig, die Beteiligung von RNA-bindenden Proteinen an einer Vielzahl menschlicher Erkrankungen zu entschlüsseln“, so Kathi Zarnack
Quelle
Julius-Maximilians-Universität Würzburg (04/2026)
Publikation
Dissecting the RNA-binding capacity of the multi-RRM protein Rrm4 essential for endosomal mRNA transport. Nina Kim Stoffel, Srimeenakshi Sankaranarayanan, Kira Müntjes, Anke Busch, Julian König, Kathi Zarnack, Michael Feldbrügge. Nucleic Acids Research. 1. April 2026, https://doi.org/10.1093/nar/gkag210