Bluttest verbessert Therapieentscheidungen bei Darmkrebs

8. Juni 2026

Nach einer Darmkrebs-Operation stellt sich für viele Patientinnen und Patienten die Frage, ob eine anschließende Chemotherapie zur Vermeidung eines Rückfalls notwendig ist. Besonders im mittleren Risikostadium (Stadium II) fällt die Entscheidung schwer: Während rund jeder fünfte unbehandelte Betroffene einen Rückfall erleidet, bedeutet die adjuvante Chemotherapie für viele eine hohe und potenziell unnötige Belastung. Eine große klinische Studie unter Leitung der Hochschulmedizin Dresden liefert nun jedoch wichtige Erkenntnisse, die eine belastbare Entscheidungsgrundlage bieten.

Flüssigbiopsie als Wegweiser für die Chemotherapie

Tumoren geben kleinste Bruchstücke ihrer DNA in den Blutkreislauf ab. Diese sogenannte zirkulierende Tumor-DNA (ctDNA) lässt sich mit modernen molekularbiologischen Verfahren im Blut nachweisen. Die nun veröffentlichte CIRCULATE-Studie ist die erste randomisierte Untersuchung, die gezielt geprüft hat, ob Betroffene mit nachweisbarer ctDNA von einer Chemotherapie profitieren. Dafür wurden zwischen 2020 und 2025 mehr als 2.100 Patientinnen und Patienten in Deutschland und Österreich eingeschlossen und bei einem positiven ctDNA-Befund zufällig entweder einer Chemotherapie oder der bisherigen Standardbehandlung – einer reinen Beobachtung – zugeteilt.

ctDNA senkt Rückfallrisiko durch gezielte Chemotherapie

Die Ergebnisse bestätigen zunächst die hohe prognostische Aussagekraft von ctDNA, da drei Jahre nach der Operation 87 Prozent der ctDNA-negativen Patientinnen und Patienten rückfallfrei waren, verglichen mit nur 52 Prozent in der ctDNA-positiven Gruppe. Darüber hinaus zeigte die Studie erstmals in einem randomisierten Ansatz einen konkreten Therapieeffekt: In der Auswertung der tatsächlich behandelten Personen lag die Rückfallfreiheit nach drei Jahren unter einer Chemotherapie bei 77 Prozent gegenüber 38 Prozent ohne Behandlung, womit sich das Rückfallrisiko deutlich senken ließ.

„Diese Studie liefert zwei zentrale Ergebnisse“, erklärt Studienleiter Prof. Gunnar Folprecht. „Wir konnten bestätigen, dass ctDNA ein klinisch bedeutsamer Risikomarker ist. Vor allem aber haben wir darauf aufbauend nachgewiesen, dass ctDNA-positiv getestete Personen tatsächlich von einer Chemotherapie profitieren.“ Für die klinische Praxis könnte dies bedeuten, dass Patientinnen und Patienten ohne nachweisbare ctDNA künftig auf eine Chemotherapie verzichten können, während positiv getestete Personen gezielter behandelt werden sollten. „Voraussetzung für die Heilung eines Dickdarmkrebses ist eine perfekte Chirurgie. Um den Behandlungserfolg bei Patientinnen und Patienten mit Dickdarmkrebs langfristig zu sichern, ist zusätzlich eine an das individuelle Rückfallrisiko angepasste Chemotherapie nach der Operation wichtig“, betont Prof. Jürgen Weitz.

Potenzial und Hürden: Der Weg der CIRCULATE-Ergebnisse in den Klinikalltag

„Die CIRCULATE-Studie ist ein eindrucksvolles Beispiel dafür, wie translationale Forschung molekulare Erkenntnisse in klinisch nutzbare Evidenz überführt. Akademische klinische Studien sind ein zentraler Schwerpunkt der Dresdner Hochschulmedizin. CIRCULATE zeigt, welches Potenzial die translationale Onkologie für die Patientenversorgung von morgen bereithält“, sagt Prof. Esther Troost. Auch Prof. Uwe Platzbecker betont: „Für unsere Patientinnen und Patienten bedeuten diese Ergebnisse eine echte Chance. Am UKD haben wir prinzipiell die Voraussetzungen, solche innovativen Ansätze im Rahmen klinischer Studien in die Versorgung zu bringen, wenn die Rahmenbedingungen geklärt sind.“

Für einen breiten Einsatz der Behandlung bestehen derzeit allerdings noch Hürden, da der in der Studie verwendete Test bislang nicht kommerziell verfügbar ist und die Kosten für existierende Alternativen in Deutschland aktuell nicht regelhaft von den gesetzlichen Krankenkassen übernommen werden. „Bevor ctDNA-basierte Therapieentscheidungen in den klinischen Alltag einziehen können, ist eine Klärung der Verfügbarkeits- und Finanzierungsfragen notwendig“, fasst Folprecht zusammen.

Quelle

Nationales Centrum für Tumorerkrankungen (NCT/UCC) Dresden (06/2026)

Publikation

CIRCULATE — Chemotherapy for patients with circulating tumour DNA positive, stage II colon cancer, DOI: 10.1016/j.annonc.2026.05.001: https://www.sciencedirect.com/science/article/pii/S0923753426001808?via%3Dihub

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