Blutmarker gibt Hinweise auf schleichendes Fortschreiten bei Multipler Sklerose

10. August 2026

Moderne Therapien verhindern Schübe bei Multipler Sklerose (MS) heute wirksam. Dennoch kann die Erkrankung auch ohne Schübe schleichend voranschreiten. Dies frühzeitig zu erkennen, zählt zu den größten Herausforderungen der MS-Medizin. Forschende berichten nun über einen Blutmarker. Dieser erlaubt es, die schubunabhängige Krankheitsprogression und den Therapieerfolg zu verfolgen.

Schubunabhängige Krankheitsprogression als diagnostische Hürde

Schübe bilden nur einen Teil des MS-Krankheitsgeschehens ab. Bei vielen Betroffenen lassen körperliche oder kognitive Fähigkeiten schleichend nach. Fachleute nennen dies schubunabhängige Progression. Dieser Prozess verläuft langsam und ist schwer zu quantifizieren. Folgen zeigen sich meist erst bei manifesten Beeinträchtigungen. Der etablierte Bluttest misst die leichte Kette der Neurofilamente (NfL). Er erfasst vor allem Akut-Schäden durch entzündliche Aktivität. Ein spezifischer Marker für die schubunabhängige Progression fehlte bisher.

GFAP als spezifischer Biomarker für Astrozyten-Aktivität

„Eine zentrale Frage für uns war, ob das schleichende Fortschreiten der Erkrankung einen anderen biologischen Fingerabdruck hinterlässt als die Entzündung“, sagt Prof. Dr. Dr. Jens Kuhle von der Universität Basel und vom RC2NB des Universitätsspitals Basel. „Wenn dahinter biologisch unterschiedliche Prozesse stehen, brauchen wir auch unterschiedliche Biomarker. Ein einzelner Marker kann nicht alle Aspekte der Erkrankung abbilden.“

Das Team um Jens Kuhle analysierte über 18.000 Blutproben von mehr als 2.300 MS-Patienten. Die Daten stammten aus großen Langzeitkohorten der Schweiz und der USA. Im Fachjournal „JAMA Neurology“ berichten die Forschenden über das saure Gliafaserprotein (GFAP). Hohe GFAP-Konzentrationen korrelierten mit einem höheren Risiko für eine schubunabhängige Progression. Astrozyten setzen dieses Protein bei Aktivierung oder Schädigung frei. Der Biomarker NfL zeigte hingegen vor allem entzündliche Aktivität und das Risiko bevorstehender Schübe an. Beide Marker ergänzen sich somit zu einem umfassenden Verlaufsbild.

Therapiemonitoring und prognostische Relevanz

Sinkende GFAP-Spiegel nach Therapiebeginn korrelierten langfristig mit einem geringeren Progressionsrisiko. „Besonders spannend war für uns, dass sich nicht nur erhöhte GFAP-Werte mit dem Risiko einer Krankheitsprogression verbanden“, sagt Dr. Maximilian Einsiedler, einer der Erstautoren der Publikation. „Auch Veränderungen des Biomarkers unter der Behandlung sagten etwas über den weiteren Krankheitsverlauf aus. GFAP scheint also biologische Prozesse zu erfassen, die den weiteren Krankheitsverlauf beeinflussen.“

Die Ergebnisse erweitern die Evidenz für GFAP als Progressionsmarker substantiell. Sie stärken die Basis für den klinischen Einsatz in der Routinediagnostik. GFAP könnte künftig die Verlaufskontrolle optimieren, Therapieansprechen beurteilen und die Entwicklung neuer Wirkstoffe beschleunigen.

Quelle

Universität Basel (07/2026)

Publikation

Maximilian Einsiedler et al.
Serum Glial Fibrillary Acidic Protein Dynamics, Disease Progression, and Therapy Response in Multiple Sclerosis
JAMA Neurology (2026), DOI: https://doi.org/10.1001/jamaneurol.2026.2500

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