Zuverlässigere Alzheimer-Diagnostik mittels Bluttests

27. Oktober 2026

Forschende der Universitätsmedizin Halle haben ein zweistufiges Testverfahren entwickelt, das die diagnostische Spezifität von Alzheimer-Bluttests signifikant erhöht. Kommerzielle Assays nutzen bisher vorrangig den Protein-Biomarker pTau217 (phosphoryliertes Tau-Protein), dessen Plasmakonzentration bereits in frühen präklinischen Krankheitsstadien – lange vor dem Auftreten kognitiver Defizite – ansteigt. Für den rechzeitigen Einsatz neu zugelassener Disease-Modifying Therapies (z. B. Antikörpertherapien) ist eine frühe und verlässliche Identifizierung essenziell. Da pTau217 jedoch auch bei anderen Indikationen erhöht sein kann, bergen konventionelle Tests das Risiko falsch-positiver Befunde. In einer Kohorte von 315 Personen zeigte das Team ein Verfahren zur präzisen Differenzierung zwischen Alzheimer-spezifischen und kreuzreaktiven Pathologien.

Pathophysiologische Ursachen falsch-positiver pTau217-Signale

Das Tau-Protein weist tissue-spezifische Spleißvarianten und Isoformen auf: Eine niedermolekulare Form exprimiert sich vorwiegend im zentralen Nervensystem (ZNS), während hochmolekulare Isoformen auch im peripheren Nervensystem, Muskelgewebe und weiteren Organen vorkommen. Wie die Hallenser Neurologen bereits 2025 nachwiesen, zeigen auch Patienten mit Amyotropher Lateralsklerose (ALS) erhöhte pTau217-Plasmaspiegel, bedingt durch den Abbau von geschädigtem Muskel- und Nervengewebe. „Herkömmliche Bluttests können die Tau-Formen nicht zuverlässig voneinander unterscheiden. Dadurch können erhöhte Messwerte fälschlich auf Alzheimer hindeuten, obwohl sie beispielsweise mit einer Muskel- oder Nervenerkrankung zusammenhängen“, erklärt Prof. Dr. med. Markus Otto.

Zweistufiges Analysenverfahren und validierende Gewebeanalytik

Zur Optimierung des pTau217-Assays implementierte das Team unter Leitung von Prof. Otto einen Immunanreicherungsschritt: Vor der quantitative Messung wird das ZNS-spezifische niedermolekulare Tau mittels eines selektiven Antikörpers gezielt aus der Probe isoliert. Das Verfahren wurde an EDTA-Plasmaproben von 315 Personen (101 Alzheimer-Patienten, 139 ALS-Patienten, 75 Kontrollpersonen) aus Zentren in Halle, Mannheim und Mailand evaluiert. Während das konventionelle Immunoassay bei Alzheimer und ALS gleichermaßen erhöhte Werte anzeigte, führte das modifizierte Protokoll zu einer klaren Abgrenzung. „Die gemessenen Werte waren bei Alzheimer erhöht, nicht aber bei ALS oder den Kontrollpersonen. Somit konnte unser Verfahren die beiden Erkrankungen in der untersuchten Gruppe besser unterscheiden“, erklärt PD Dr. med. Samir Abu Rumeileh.

Vergleichende massenspektrometrische Gewebeanalysen (Gehirn-, Rückenmarks- und Muskelgewebe) bestätigten den biochemischen Mechanismus: Das ZNS-spezifische pTau217-Isomer ist im Muskelgewebe praktisch nicht nachweisbar, wodurch der Messwert direkt mit der zerebralen Tau-Pathologie (Neurofibrillenveränderungen und neuronaler Zelltod) korreliert.

Klinische Relevanz und Ausblick

Das Zweistufige Verfahren eignet sich als reflexdiagnostische Ergänzung im Laborworkflow. „Ein herkömmlicher pTau217-Test könnte weiterhin den ersten Hinweis liefern. Wenn das Ergebnis nicht zum Krankheitsbild passt oder eine Muskel- beziehungsweise Nervenerkrankung die Messung beeinflussen könnte, wäre das Zwei-Schritt-Verfahren sinnvoll, um Klarheit zu schaffen. So ließen sich falsch-positive Befunde vermeiden und Betroffene zuverlässiger für die neuen Alzheimer-Therapien auswählen“, so Abu Rumeileh.

Zusätzlich bietet der Ansatz neue Optionen für die ALS-Analytik, da die isolierte Erfassung hochmolekularer Tau-Formen als nicht-invasiver Marker für periphere Gewebeschädigungen und Verlaufsbeobachtungen dienen kann. Vor der Überführung in die klinische Routine stehen die methodische Standardisierung sowie die Validierung an größeren, unabhängigen Patientenkohorten an.

Quelle

Universitätsmedizin Halle (10/2026)

Publikation

Abu-Rumeileh, S., Großkopf, H., […], Otto, M. et al. Tau isoform mapping across tissues and biofluids reveals a signature distinguishing Alzheimer’s disease from amyotrophic lateral sclerosis. Nat Commun 17, 10745 (2026). https://doi.org/10.1038/s41467-026-78390-3

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