Wie wird Körpergröße genetisch reguliert?

31. August 2026

Ein internationales Forschungsteam unter der Leitung der Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (TiHo) hat die molekularen Determinanten der Körpergröße von Schweinen analysiert. Die Untersuchung zeigt, dass Größenunterschiede nicht allein durch klassische Wachstumsgenvarianten bedingt sind, sondern maßgeblich durch regulatorische Abschnitte des nicht-kodierenden Genoms gesteuert werden, welche die Aktivität wachstumsrelevanter Gene und das longitudinale Knochenwachstum modulieren.

Methodischer Ansatz und vergleichende Phänotypisierung

Die ausgeprägte Varianz der Körpergröße zwischen Miniatur- und großwüchsigen Schweinerassen dient als Modell zur Untersuchung wachstumsspezifischer Genotyp-Phänotyp-Korrelationen innerhalb einer Spezies. Die Arbeitsgruppe um Professorin Dr. Julia Metzger kombinierte morphologische Analysen von Gewebeproben der Epiphysenfugen mit Multi-Omics-Technologien und bioinformatischen Auswertungen.

In einer vergleichenden Studie wurden zwei Minischweinrassen (Aachener Minischwein, Mini-LEWE) und zwei größere Rassen (Mangalitza, Angler Sattelschwein) untersucht. Bei 22 Ferkeln wurden über 80 Tage standardisiert Körpergewicht, Widerristhöhe und Metatarsaldicke unter identischen Umweltbedingungen erfasst. Die Minischweine zeigten ein proportionales, kontinuierliches Wachstum auf reduziertem Niveau bei signifikanter Korrelation zwischen Röhrenknochendicke und Körpermasse.

Histologische Analyse der Epiphysenfuge

Die Epiphysenfuge als cartilaginöse Schicht an den Metaphysenenden der langen Röhrenknochen vermittelt das enchondrale Längenwachstum durch chondrozytäre Proliferation und Hypertrophie. Histologische Untersuchungen zeigten, dass die Wachstumsfugen aller vier Rassen dieselbe architektonische Zonierung aufweisen. „Die Wachstumsfuge der Minischweine ist erstaunlich unauffällig gebaut – sie ist einfach insgesamt kleiner. Genau das macht sie zu einem so guten Modell, um die Feinregulation des Knochenwachstums zu untersuchen“, erläutert Metzger. Morphologisch zeigte sich jedoch eine Verringerung der Chondrozytenkerngröße bei den Minischweinen, während die makroskopische und mikroskopische Grundstruktur skaliert erhalten blieb.

Multi-Omics-Analysen und Genomregulation

Zur Identifizierung zugrundeliegender Loci integrierte das Team genomweite Sequenzierungsdaten von über einhundert Individuen, Assay-for-Transposase-Accessible-Chromatin-Sequencing (ATAC-seq) zur Kartierung offener Chromatinregionen, chromosomale Konformationsanalysen, Transkriptomdaten sowie Proteom-Analysen der Wachstumsfugen. Ausgangspunkt bildeten Homozygotie-Regionen als Marker genomischer Selektionsspuren. Die Daten belegen, dass signifikante Varianten vermehrt in nicht-kodierenden, regulatorischen Genomabschnitten lokalisiert sind. Diese Regionen fungieren als Enhancer oder Repressoren zur zeit- und raumgetreuen Genexpression. Ein Schwerpunkt lag auf einer regulatorischen Region proximal zu den Genen SDR16C5, MOS und PLAG1. Das Gen PLAG1 ist als regulatorischer Faktor der Körpergröße bei Mensch und Nutztieren bekannt. Die Studie verknüpft strukturelle Veränderungen in nicht-kodierenden Genomdomänen direkt mit der differentiellen Transkriptionsaktivität dieser Wachstumsfaktoren.

Translationale Relevanz für die Humanmedizin

Aufgrund der physiologischen und genetischen Konservierung der enchondralen Ossifikation zwischen Schwein und Mensch bieten die Befunde valide Ansätze für die biomedizinische Forschung. Die Ergebnisse tragen zur Charakterisierung molekularer Pathways des Knochenwachstums bei und erlauben Rückschlüsse auf die Pathogenese humaner Wachstumsstörungen.

Quelle

Stiftung Tierärztliche Hochschule Hannover (08/2026)

Publikation

Sabine Hilt, Pablo Barrancos, Elena M Bezzubova, Haowu Cheng, Lea Drescher, Petr Dvořák, Hans-Peter Grossart, Ferdi Hellweger, Sven Meissner, Michael T Monaghan, Timo H J Niedermeyer, Alexander R Pelletier, Charlotte Schampera, Nikola Stankovic, Christoph van Thriel, Susan B Wilde, Susanna A Wood, Jutta Fastner, Aquatic plant-associated toxic cyanobacteria—a new threat to freshwater ecosystems, BioScience, 2026;, biag095, https://doi.org/10.1093/biosci/biag095

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