Die Forschung der vergangenen Jahre verdeutlicht, dass das klinische Krankheitsbild der Multiplen Sklerose (MS) ein Spektrum unterschiedlicher entzündlicher Autoimmunerkrankungen des zentralen Nervensystems (ZNS) umfasst. Pathophysiologisch richten sich die Autoimmunreaktionen gegen verschiedene molekulare Zielstrukturen (Antigene). Ein Forschenden-Team des LMU Klinikums unter der Co-Leitung von Prof. Dr. Edgar Meinl und Prof. Dr. Simone Mader konnte nun ein weiteres spezifisches Antigen identifizieren. „Diese Befunde, sagt Edgar Meinl, „erweitern unser Bild über Autoimmunreaktionen gegen das eigene Gehirn mit möglichen diagnostischen und therapeutischen Konsequenzen.“
Serologische Differenzierung von Neuroimmunopathien
Schubförmige oder progrediente ZNS-Entzündungen führen bei Erfüllung entsprechender Kriterien primär zur Diagnose MS. In den letzten Jahren wurden jedoch Entitäten identifiziert, die zwar klinisch der klassischen MS ähneln, jedoch eigenständige Krankheitsbilder darstellen. Hierzu zählen MOGAD (MOG-Antikörper-assoziierte Erkrankungen) und NMOSD (Neuromyelitis-optica-Spektrum-Erkrankungen). Die Abgrenzung dieser Spektrum-Erkrankungen gelang durch den serologischen Nachweis spezifischer Autoantikörper gegen ZNS-Antigene. Dennoch bleiben die exakten molekularen Zielstrukturen bei der Mehrheit der MS- und MS-ähnlichen Fälle bislang unaufgeklärt.
Identifizierung neuartiger Autoantikörper gegen Astrozyten
Das Münchner Forschungsteam identifizierte ein ZNS-Antigen, das bei einer Untergruppe von Patientinnen und Patienten Zielstruktur der fehlgeleiteten Immunantwort ist. Ausgangspunkt war ein klinischer Fall mit Spinalcord-Entzündung und Verdacht auf eine Antikörper-vermittelte Pathologie, bei der gängige Autoantikörper-Panels negativ blieben. Im Serum der Patientin wurden Antikörper nachgewiesen, die an astrozytäre Endfüße im Bereich der Blut-Hirn-Schranke binden.
Das Protein MLC1 als Zielstruktur und Nachweis mittels Assays
Mittels moderner Analytiksmethoden wurde die Zielstruktur als Astrozyten-Oberflächenprotein MLC1 identifiziert. Über einen neu entwickelten Assay konnten MLC1-Autoantikörper in den Seren von vier aus rund 300 Patientinnen und Patienten mit MS oder MS-ähnlicher Symptomatik detektiert werden. In-vitro- und In-vivo-Laborversuche bestätigten zudem die funktionelle Relevanz: Anti-MLC1-Antikörper induzieren die Destruktion von Astrozyten und verstärken spinale Entzündungsprozesse.
Diagnostische und therapeutische Implikationen
Die Ergebnisse unterstreichen, so Tania Kümpfel, „dass sich das Spektrum der Krankheiten, die sich ähnlich wie eine Multiple Sklerose präsentieren, immer weiter auffächert. Dies spiegelt sich auch in der Aktualisierung von Diagnosekriterien wider. Das ist eine wichtige Voraussetzung dafür, diese Erkrankungen immer gezielter und effizienter behandeln zu können.“ Der präzise Biomarker-Nachweis besitzt unmittelbare Relevanz für die Therapieauswahl. Für die NMOSD, sagt die Medizinerin weiter, „sind in Deutschland mittlerweile vier Medikamente zugelassen, die auch sehr wirksam sind.“ Neueste Studiendaten belegen zudem die Wirksamkeit eines dieser Therapeutika bei MOGAD. Der serologische Autoantikörper-Nachweis legt somit den Grundstein für eine personalisierte, zielgerichtete Behandlung.
Quelle
LMU Klinikum München (08/2026)
Publikation
Antibodies against MLC1 found in patients with NMOSD-like disease mediate astrocytopathy in rodent models
Hoi Kiu Wong, Samantha Ho, Qian Yu, Katherine S Given, Dorina Shqau, Selia Baier, Stephan Winklmeier, Heike Rübsamen, Arek Kendirli, Kathrin Schanda, Eva Oswald, Katharina Bräuer, Franziska S. Thaler, Lisa Ann Gerdes, Regina Feederle, Martin Kerschensteiner, Markus Reindl, Mohsen Khademi, Fredrik Piehl, Tomas Olsson, Jeffrey L. Bennett, Tania Kümpfel, Naoto Kawakami*, Monika Bradl*, Edgar Meinl*, Simone Mader*
https://www.science.org/doi/10.1126/scitranslmed.ady0403