Eine internationale Studie unter Leitung des Universitätsklinikums Würzburg offenbart neue Einblicke in die Mikroevolution des humanpathogenen Hefepilzes Candida parapsilosis. Bei global aufgetretenen, Fluconazol-resistenten Ausbruchsstämmen (FLCR-CP) korreliert eine Attenuierung der Biofilmbildung überraschenderweise mit einer erhöhten Wirtsanpassung und Immunevasion. Während C. parapsilosis als Kommensale der kutanen Mikrobiom-Flora bei Immunkompetenten meist symptomlos verbleibt, manifestiert er sich bei Immungeschwächten oder bei Barrieredefekten (z. B. via Gefäßkatheter) als nosokomialer Erreger invasisver Mykosen. Die interhumane Transmissibilität begünstigt die nosokomiale Dissemination multi- und fluconazolresistenter Klone.
Paradigmenwechsel in der Pathogenitätsbeurteilung
Klassischerweise gilt die extrazelluläre polymere Substanz matrixreicher Biofilme als primärer Virulenzfaktor, der die metabolische Toleranz gegenüber Antimykotika, Antibiotika und der zellulären Immunantwort mechanisch wie physiologisch steigert. Die phänotypische Analyse der FLCR-CP-Isolate widerlegt diesen Monokausalismus jedoch. Dr. rer. nat. Amir Arastehfar, fasst den pathogenetischen Vorteil zusammen: „Anstatt noch stärkere Festungen zu errichten, gehen die Ausbrüche verursachenden Stämme ein riskantes Wagnis ein. Sie reduzieren bewusst ihren schützenden Biofilm-Schild. Im Gegenzug gewinnen sie zwei enorme Vorteile: Menschliche Immunzellen können sie nicht erkennen und sie können sich unter extremen Stress viel schneller vermehren.“ Unter selektivem Immun- und Therapiedruck erweist sich die Attenuierung des Biofilms somit als energetisch und funktionell favorisierter Phänotyp.
Globale Klonale Selektion und Immunevasion
Genomweite Analysen nosokomialer Isolate aus diversen Geografien belegen eine konvergente Evolution dieses Phänotyps. „Die häufige Übertragung von einem Wirt auf den anderen trainiert den Pilz gewissermaßen dazu, ein uraltes Überlebensmerkmal gegen ein modernes einzutauschen. Dadurch kann er unserem Immunsystem entgehen und in Gesundheitsrichtungen fortbestehen“, führt Arastehfar aus.
Die Ursachen der persistenzen Nosokomialinfektionen verlagern sich damit von rein chemotherapeutischen Resistenzen hin zur aktiven Modulation der Wirt-Pathogen-Interaktion. Zur Kausalitätsanalyse ergänzt Arastehfar: „Wir wollen deshalb das weltweite Gesamtgenom von Candida parapsilosis sorgfältig analysieren, um herauszufinden, welche genetischen Merkmale dem Pilz die Fähigkeit verleihen, sich vor Immunzellen zu verstecken und dauerhaft im Krankenhaus zu verbleiben.“
Zellbiologische Phänotypisierung und Genetik
Die Multizenter-Daten verknüpfen vergleichende Genomik, Transkriptomik sowie in vitro- und in vivo-Modelle. Die identifizierten Low-Biofilm-Produzenten (LBP) zeigten unter abiotischen Stressbedingungen signifikant höhere Proliferationsraten als stärkere Biofilmbildner. In Phagozytose-Assays mit neutrophilen Granulozyten und Makrophagen wiesen LBP-Stämme eine verminderte Abtötungsrate auf. Verantwortlich hierfür sind strukturelle Remodellierungen der Zellwand-PAMPs (Pathogen-Associated Molecular Patterns), die eine verringerte Pattern-Recognition-Rezeptor-Erkennung bewirken. Im Tiermodell resultierte dies in einer erhöhten Organpersistenz in immunzellreichen Geweben.
Genomisch beruht der LBP-Phänotyp nicht auf einer punktuellen Einzelgenmutation, sondern auf komplexen, polygenen Alterationen und dysregulierten Transkriptionsnetzwerken. Die gezielte Intervention in diesen Regulationswegen steigerte die Resistenz gegenüber zellulären Immunantworten analog. An der Studie waren neben Arastehfar weitere Würzburger Forschende des Instituts für Hygiene und Mikrobiologie um Prof. Dr. Oliver Kurzai sowie Tobias Köhler und Gabriel Braune maßgeblich beteiligt.
Quelle
Universitätsklinikum Würzburg (09/2026)
Publikation
Farnaz Daneshnia, Deepika Gunasekaran, Sean Bergin, Lisa Lombardi, Austin M. Perry, Liuyang Cai, Louise A. Walker, Tibor Nemeth, Süleyha Hilmioglu-Polat, Letal I. Salzberg, Arefeh Ebadati, Tobias Köhler, Gabriel Braune, João N. de Almeida, Giuseppina Caggiano, Julianne V. Kus, Pegah Mosharaf Ghahfarokhy, Julieta Munoz, Daniel J. Floyd, Diego Fuentes-Palacios, Samuel M. Gonçalves, Relber A. Gonçales, Mostafa Salehi, Jigar V. Desai, Agostinho Carvalho, Shenglin Mei, Carol A. Munro, Alex Hopke, Toni Gabaldón, Attila Gacser, Oliver Kurzai, Geraldine Butler, David S. Perlin, Wenjie Fang, Clarissa J. Nobile, Michael K. Mansour, Amir Arastehfar (2026) Outbreaks of fluconazole-resistant Candida parapsilosis are driven by low-biofilm-producing isolates that emerge under host selection. PLoS Biology. 24(9): e3003973. https://doi.org/10.1371/journal.pbio.3003973