Forschende der Universität Duisburg-Essen und des Universitätsklinikums Düsseldorf entwickelten eine einfache Screeningmethode zur vaskulären Früherkennung. Das Verfahren stimuliert die Vasodilatation mittels CO2-angereichertem Wasser. Die anschließende Erfassung der Gefäßreaktion erfolgt über die Nahinfrarotspektroskopie (NIRS). Gesunde Blutgefäße dilatieren schnell. Bei Gefäßerkrankungen ist diese Reaktion bereits im Frühstadium signifikant verlangsamt. Das neue Verfahren wird als NIRS-CO2 abgekürzt.
Die Screeningmethode detektiert Gefäßschäden deutlich früher als etablierte Techniken. Zudem misst sie als bislang einziges non-invasives Verfahren zwei Funktionen gleichzeitig. Erfasst werden die endotheliale Funktion und die Aktivität der glatten Gefäßmuskulatur. „Das macht NIRS-CO2 besonders interessant für die Früherkennung von Gefäßschäden bei Diabetes und Autoimmunerkrankungen, bei denen sowohl Endothel als auch Muskelschicht betroffen sind“, so Prof. Dr. Hideo Baba.
Mechanistische Aufklärung der CO2-induzierten Vasodilatation
Kohlenstoffdioxid wird seit über einem Jahrhundert medizinisch genutzt. Typische Einsatzbereiche sind Kurbäder, Durchblutungsstörungen, Diabetes und die Intensivmedizin. In den sozialen Medien wird das Gas neuerdings zur Hautverjüngung beworben. Bislang fehlte jedoch der Nachweis einer mechanistischen Grundlage. Die aktuelle Studie liefert nun diese wissenschaftliche Basis. Sie zeigt, dass CO2 drei physiologische Mechanismen der Gefäßerweiterung simultan aktiviert.
Drei parallele molekulare Wirkmechanismen
In Kooperation mit dem Universitätsklinikum Düsseldorf wurden die drei Wirkprinzipien auf die Gefäßwand aufgeklärt: CO2 stimuliert das Endothel zur Sekretion von Stickstoffmonoxid NO. Dieser Botenstoff relaxiert die glatte Gefäßmuskulatur.Zudem öffnet CO2 spezifische endotheliale Kaliumkanäle SKCa und IKCa. Es imitiert damit den endothelialen Hyperpolarisationsfaktor. Direkt wirkt CO2 auf die Gefäßmuskulatur durch Aktivierung elektrischer Kanäle. Die Relaxation erfolgt hierbei endothel-unabhängig. Die physiologische Wirkung ist direkt an den Gewebestoffwechsel gekoppelt. Vermittelt wird dieser Prozess über vaskuläre Carboanhydrasen. Dies begründet die Wirksamkeit klinischer Carboanhydrase-Hemmer bei Glaukomen, Höhenkrankheit und Herzinsuffizienz.
Experimenteller Versuchsaufbau und Kinetik-Messung
Der Unterarm der Probanden wird für einige Minuten in ein 32°C temperiertes Wasserbad gelegt. Nach der Bestimmung des Basalwerts erfolgt der Austausch gegen CO2-angereichertes Wasser. Mittels eines Kartuschensystems wird eine Konzentration von circa 4,2 Gramm CO2 pro Liter eingestellt. Eine NIRS-Sonde am Unterarm detektiert die Konzentrationsänderungen in Echtzeit. Gemessen wird der Anstieg von oxygeniertem Hämoglobin HbO2 und der Abfall von desoxygeniertem Hämoglobin HHb. Als Surrogat-Parameter für die Vasodilatationskapazität dient die Time to Intersection (TTI). Dies definiert die Zeitspanne bis zum Schnittpunkt beider Kurvenverläufe. Je kürzer die TTI, desto schneller steigt der HbO2-Anteil an und desto besser ist die Gefäßerweiterung. Bei Gefäßerkrankungen ist die TTI deutlich verlängert“, erklärt Prof. Dr. Baba.
Präsymptomatische Diagnostik vaskulärer Schäden
Probanden mit kardiovaskulären Risikofaktoren zeigen in der Studie eine signifikant verlängerte TTI. Zu diesen Faktoren zählen Nikotinkonsum, Hypertonie, Diabetes und Hypercholesterinämie. Auch Patienten mit peripherer arterieller Verschlusskrankheit oder koronarer Herzkrankheit weisen verzögerte Werte auf. „Die Geschwindigkeit, mit der die Gefäße auf CO2 reagieren, ist ein direkter Spiegel der Gesundheit des Gefäßsystems“, so Prof. Baba. „Ein verzögertes Ansprechen ist ein frühes Warnsignal – und zwar bevor Beschwerden auftreten und bevor klassische Verfahren Abweichungen zeigen.“
Validierung gegen den klinischen Goldstandard
Im direkten Vergleich mit der Flow-Mediated Dilation (FMD) erwies sich NIRS-CO2 als überlegen. Die FMD gilt als bisheriger klinischer Goldstandard der non-invasiven Gefäßdiagnostik. FMD evaluiert ausschließlich die endotheliale Funktion. NIRS-CO2 erfasst zusätzlich die myogene Funktion der glatten Muskelzellen. Diese myogene Komponente ist bei Hypertonie, Herzinsuffizienz und pulmonaler Hypertonie oft pathologisch verändert. Sie war bisher non-invasiv nicht quantifizierbar.„Wir sehen in NIRS-CO2 ein besonders vielversprechendes Werkzeug für die Früherkennung von Gefäßschäden bei Diabetes und Autoimmunerkrankungen, zwei Erkrankungsbildern, bei denen sowohl das Endothel als auch die glatte Muskelschicht betroffen sind“, so Prof. Baba.
Quelle
Universität Duisburg-Essen (07/2026)
Publikation
Controlling Isomer Population Using a Dual-Oscillator Infrared Free-Electron Laser
https://journals.aps.org/prl/abstract/10.1103/2hy7-w3qb