Eine vor einigen Jahren erfolgte Schätzung ergab, dass 0,9 % der Allgemeinbevölkerung in Europa jedes Jahr ein allergisches Kontaktekzem durch Chemikalien in Bekleidung erleiden. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) hat nun in einer neuen, umfassenden Auswertung klinische Datensätze aus Deutschland, Österreich und der Schweiz analysiert. Diese Auswertung zeigt, dass solche textilbedingten Erkrankungen tatsächlich nur bei etwa 0,008 bis 0,07 % der Bevölkerung vorkommen – sie sind also selten. Dadurch könnte der erwartete gesundheitliche Nutzen einer Beschränkung aller (in der EU harmonisiert) als hautsensibilisierend eingestuften Stoffe in Textilien geringer ausfallen als erwartet.
Ätiologie und Relevanz einzelner Substanzklassen
Einige in Textilien verwendete chemische Substanzen können bei sensibilisierten Personen ein allergisches Kontaktekzem auslösen. Farbstoffe, insbesondere Dispersionsfarbstoffe, sind dabei die Hauptverursacher. Ausrüstungsmittel spielen wie Harze auf Formaldehydbasis zum Knitterschutz und zur Verbesserung der Formbeständigkeit heutzutage als Allergene keine große Rolle mehr.
Methodik: Epidemiologische Quantifizierung via CE-DUR-Ansatz
Um einschätzen zu können, wie häufig allergische Kontaktekzeme durch Farbstoffe in Textilien tatsächlich auftreten, wurde für die BfR-Studie der so genannte CE-DUR‑Ansatz verwendet. Bei diesem Ansatz werden klinisch-epidemiologische Daten (Testergebnisse an Patienten) mit Methoden der Arzneimittelverbrauchsforschung kombiniert. Damit will man auf die Häufigkeit einer Erkrankung in der Allgemeinbevölkerung schließen. Im konkreten Fall verknüpfte man die Ergebnisse aus Epikutantests (medizinischer Hauttest zum Nachweis einer Kontaktallergie) an Patienten mit entzündlichen Hauterkrankungen mit den jährlichen Verkaufszahlen der Epikutantest-Standardreihe in Deutschland. Der CE-DUR‑Ansatz wurde in der Vergangenheit wiederholt angewandt, um die Häufigkeit von Kontaktallergien gegenüber den relevantesten Allergenen (z. B. Nickel) in der Allgemeinbevölkerung zu schätzen. Durch das Verfahren lassen sich belastbare Zahlen bestimmen, selbst wenn es keine repräsentativen Bevölkerungsstudien zu einer Fragestellung gibt.
Datenbasis und Hochrechnung über den IVDK
Für die Analyse wurden die veröffentlichten Daten aus dem Informationsverbund Dermatologischer Kliniken (IVDK) aus Deutschland, Österreich und der Schweiz herangezogen. In den beteiligten Kliniken werden regelmäßig Menschen auf Kontaktallergien getestet, die wegen Hautproblemen ärztliche Hilfe suchen. Unter ihnen gibt es eine kleine Gruppe, bei denen der Verdacht besteht, dass Kleidung oder Textilien die Beschwerden auslösen. Diese Personen wurden mit einer speziellen Testreihe für Textilfarbstoffe sowie teilweise auch mit Stücken ihrer eigenen Kleidung getestet. Aus dem Anteil der positiven Reaktionen lässt sich dann mit dem CE-DUR‑Ansatz hochrechnen, wie viele Menschen in Deutschland insgesamt betroffen sein könnten. Diese Hochrechnung wurde untermauert durch eine zusätzliche Auswertung der Anzahl ärztlicher Diagnosen zur allergischen Kontaktdermatitis, die zur Abrechnung mit den Krankenkassen gemeldet wurden.
Quelle
Bundesinstitut für Risikobewertung (10/2026)