Angst im Genom: Neue genetische Zusammenhänge mit Angstsymptomen

24. Juni 2026

Eine internationale Kollaboration liefert neue Erkenntnisse zur genetischen Architektur von Angststörungen. Die im Fachjournal Nature Human Behaviour publizierte Genomanalyse umfasst Daten von fast 700.000 Teilnehmenden. Die Initiative wurde im Rahmen des Psychiatric Genomics Consortium (PGC Anxiety) realisiert. Auch das Würzburger Universitätsklinikum war maßgeblich beteiligt.

Die statistische Methodik unterscheidet sich von klassischen Ansätzen. Das Team verknüpfte Genomdaten nicht mit binären Ja-Nein-Diagnosen. Stattdessen analysierten sie den kontinuierlichen Schweregrad der Angstsymptome. „Indem in unserer Studie die genetischen Daten nicht nur mit einer klinischen Ja-oder-Nein-Diagnose, sondern mit dem Schweregrad der Symptome verknüpft wurden, entstand ein neues Verständnis von Angst als biologisches Kontinuum – von normalen Stressreaktionen bis hin zu schwer beeinträchtigenden Erkrankungen“, erläutert Jürgen Deckert das Besondere an der Studie.

Identifikation neurobiologisch aktiver Genorte

Die genomweite Assoziationsstudie (GWAS) detektierte insgesamt 74 signifikante Genorte (Loci). Davon wurden 39 Positionen im menschlichen Genom erstmals im Kontext mit Angst beschrieben. Die verbleibenden Loci bestätigen frühere genetische Datensätze. Als funktionelle Kandidatengene identifizierten die Forschenden unter anderem PCLO und SORCS3. Viele der assoziierten Gene zeigen eine hohe Expressionsrate im zentralen Nervensystem. Sie codieren Proteine für die neuronale Signalübertragung und synaptische Plastizität. Die detektierten genetischen Varianten erklären aktuell rund 6 Prozent der phänotypischen Varianz. Der Großteil der Erblichkeit bleibt somit noch ungeklärt.

Interaktion mit Umweltfaktoren

Das genetische Profil bestimmt das Erkrankungsrisiko nicht deterministisch. Erstautorin Megan Skelton betont die Relevanz epigenetischer und psychosozialer Faktoren. „Genetische Einflüsse wirken zusammen mit Lebenserfahrungen, sozialen Kontexten und psychologischen Faktoren und stehen mit ihnen in Wechselwirkung, um das individuelle Risiko zu formen. Der Anstieg der Angstraten, den wir beobachten, weist auf Umweltfaktoren hin. Das Verständnis genetischer Risiken kann uns helfen zu erkennen, wer für diese Faktoren besonders anfällig sein könnte, und letztlich zu wirksameren Präventions- und Behandlungsstrategien beitragen.“

Validierung polygener Risikoscores

Das Konsortium berechnete populationsspezifische Polygenetische Risikoscores (PRS). Die mathematischen Modelle basierten initial auf Kohorten europäischer Abstammung. Die Validierung erfolgte in separaten Gruppen europäischer, afrikanischer und südasiatischer Herkunft. In den Zielpopulationen erklärten die PRS lediglich 1,2 bis 2,9 Prozent der Symptomvarianz. Die Daten deuten auf eine partielle ethnische Übertragbarkeit genetischer Risikofaktoren hin. Für präzise Vorhersagen sind jedoch diverse transethnische Folgestudien zwingend erforderlich.

Genetische Korrelation mit somatischen Komorbiditäten

Die bioinformatische Auswertung ergab signifikante genetische Korrelationen mit psychiatrischen und somatischen Phänotypen. Angstzustände korrelieren stark mit Depressionen, Reizdarmsyndrom, chronischen Schmerzen und koronarer Herzkrankheit. Auch Assoziationen zu Endometriose und Migräne wurden mathematisch nachgewiesen.
„Diese Korrelationen verdeutlichen die Wechselbeziehung zwischen psychischer und körperlicher Gesundheit“, sagt Brittany Mitchell. „Wichtig ist, dass einige gemeinsame genetische Varianten sowohl das Risiko für eine körperliche Erkrankung als auch für stärkere Angstsymptome erhöhen können. Gleichzeitig kann das Leben mit chronischen Schmerzen oder einer chronischen Erkrankung selbst zu Angstsymptomen beitragen. Unsere Ergebnisse zeigen keine Kausalität und auch keine Wirkungsrichtung auf, sie werfen jedoch wichtige Fragen für zukünftige Forschungen auf.“

Analytischer Ausblick

Die Entschlüsselung der Polygenizität von Angststörungen hinkt anderen psychiatrischen Krankheitsbildern hinterher. Angesichts steigender Inzidenzen ist eine präzise Identifikation molekularer Risikofaktoren essenziell. Professorin Thalia Eley resümiert: „Trotz der Auswirkungen von Angststörungen auf die öffentliche Gesundheit hinkt der Fortschritt beim Verständnis ihrer genetischen Grundlagen hinter dem anderer wichtiger psychischer Erkrankungen hinterher. Angesichts der hohen und steigenden Angstraten, insbesondere bei jungen Erwachsenen, ist es wichtiger denn je, unsere Fähigkeit zu verbessern, Risikofaktoren zu identifyzieren und zu verstehen. Wir hoffen, dass unsere Ergebnisse eine neue Welle groß angelegter Analysen anregen, um unser Verständnis der genetischen Architektur von Angst zu beschleunigen“.

Jürgen Deckert ergänzt: „Das Psychiatric Genomic Consortium für Anxiety wird weiter intensiv seine Mission verfolgen, diese ersten wegweisenden Ergebnisse auszubauen, dies letztlich mit dem Ziel innovative und individuelle Therapien für die Betroffenen zu entwickeln.“

Quelle

Universitätsklinikum Würzburg (06/2026)

Publikation

Skelton, M., Mitchell, B.L., Assary, E. et al. Genome-wide meta-analysis of quantitatively measured generalized anxiety symptoms in individuals of European ancestry. Nat Hum Behav (2026). https://doi.org/10.1038/s41562-026-02476-7

Nach oben scrollen