Wie RNA-Markierungen die Identität von Zellen sichern

7. Oktober 2026

Die Differenzierung pluri- bzw. multipotenter Stammzellen in hochspezialisierte Zelltypen sowie die dauerhafte Aufrechterhaltung der Zellidentität erfordern eine präzise zeitliche und räumliche Kontrolle der Genexpression. Neben der transkriptionellen Regulation nimmt die posttranskriptionelle Modifikation von RNA-Molekülen eine Schlüsselrolle bei der Feinabstimmung der genetischen Information ein. Forschende der Universität Bayreuth in Kooperation mit dem Institut de Biologie Moléculaire et Cellulaire (IBMC) Strasbourg zeigen, dass die häufigste interne chemische Modifikation eukaryotischer Boten-RNA, N6-Methyladenosin (m6A), die Halbwertszeit von Transkripten zelltypspezifisch steuert und so als molekularer Schalter zur Sicherung der Zellspezialisierung dient.

Transkriptomweiter m6A-Atlas im Regenerationsmodell Schmidtea mediterranea

Obwohl die fundamentale Bedeutung von m6A in zahlreichen biologischen Prozessen etabliert ist, waren die gewebespezifischen Wirkmechanismen auf die RNA-Stabilität bislang unzureichend geklärt. Als Modellorganismus diente dem Team um Constantin Höhn, Andreas Pittroff und Prof. Dr. Lisa Hülsmann der Plattwurm Schmidtea mediterranea. Dessen hoher Gehalt an adulten Pluripotenz-Stammzellen (Neoblasten) ermöglicht eine vollständige Geweberegeneration. Mittels hochauflösender Direkt-RNA-Sequenzierung (Native RNA Sequencing) kartierten die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler transkriptomweit rund 72.200 m6A-Epitranskriptom-Markierungen.

Kontextabhängige funktionelle Dichotomie der m6A-Modifikation

Die anschließende Analyse der Transkriptlebensdauern in unterschiedlichen Zellpopulationen offenbarte eine zellkontextabhängige Funktionalität der m6A-Markierung:Spezialisierte somatische Zellen: Hier führt die m6A-Modifikation zur Stabilisierung spezifischer Ziel-mRNAs und verlängert deren funktionelle Verfügbarkeit. Pluripotente Neoblasten (Stammzellen): In Stammzellen fungiert m6A hingegen als Signal für den gezielten und beschleunigten Abbau markierter Transkripte.Das epitranskriptomische Muster wirkt somit als übergeordnete Regulationsebene, die dynamisch darüber entscheidet, welche Transkripte akkumulieren oder rasch aus dem Zytosol degradiert werden. Diese zelltypspezifische Balance sichert das Gleichgewicht zwischen Stammzell-Homöostase und Ausdifferenzierung. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die gleiche RNA-Markierung in unterschiedlichen Zelltypen sehr verschiedene Funktionen übernehmen kann“, sagt Prof. Dr. Claus-D. Kuhn. „Das eröffnet neue Einblicke in die grundlegenden Mechanismen, mit denen Zellen ihre Identität festlegen und erhalten.“

Relevanz für Epitranskriptomik, Regenerationsbiologie und Biomedizin

Die Dekodierung dieser zelltypspezifischen RNA-Stabilitätskontrolle durch m6A erweitert das Verständnis epitranskriptomischer Regulationsnetzwerke in der Grundlagenforschung. Die Erkenntnisse über die epigenetische und epitranskriptionelle Steuerung der Zellspezialisierung bieten wertvolle Ansätze für die Stammzellbiologie, die Geweberegeneration sowie für molekularmedizinische Fragestellungen, bei denen dysregulierte RNA-Modifikationen mit Pathomechanismen korrelieren.

Quelle

Universität Bayreuth (10/2026)

Publikation

The stability of m6A-marked transcripts is linked to cell identity in planarians, Nucleic Acids Research (2026).
https://doi.org/10.1093/nar/gkag892

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