Wie nachhaltige Gerätewirtschaft messbar wird

7. Juli 2026

Künstliche Intelligenz, Kostendruck und Nachhaltigkeit verändern die Laborbranche spürbar. Gleichzeitig wächst der Anspruch, vorhandene Ressourcen länger und verantwortungsvoller zu nutzen. Im Interview sprechen Dr. Wolfgang Kuster und Maximilian Beckmann-Kuster über Investitionszurückhaltung, Fachkräftemangel, KI und die Frage, wie Nachhaltigkeit bei Laborgeräten konkret messbar wird.

Lieferengpässe, Fachkräftemangel, Investitionszurückhaltung: Was davon trifft Ihrer Meinung nach die Branche aktuell am härtesten? Und bilden Sie in Ihrem Unternehmen aus?

Dr. Wolfgang Kuster: Alle drei Themen beschäftigen die Laborbranche, allerdings mit unterschiedlicher Intensität. Lieferengpässe haben sich in vielen Bereichen inzwischen entspannt, auch wenn es bei einzelnen Spezialgeräten weiterhin zu Verzögerungen kommen kann. Den größten Druck sehen wir derzeit bei der Investitionszurückhaltung. Viele Unternehmen, Forschungseinrichtungen und Labore prüfen Neuanschaffungen deutlich kritischer und suchen nach wirtschaftlicheren Lösungen. Gleichzeitig bleibt der Fachkräftemangel eine zentrale Herausforderung, besonders bei qualifizierten Laborfachkräften und technischen Spezialisten. Hier übernehmen wir auch selbst Verantwortung: Wir bilden aus und investieren in Nachwuchsförderung sowie Wissenstransfer. Aus unserer Sicht ist das entscheidend, um die Zukunftsfähigkeit der Branche langfristig zu sichern. Gerade in dieser Situation gewinnen nachhaltige Konzepte und Kreislaufwirtschaft an Bedeutung. Wenn hochwertige Laborgeräte länger genutzt, geprüft weitergegeben oder wieder in den Markt gebracht werden, entstehen wirtschaftliche und ökologische Vorteile zugleich.

Wo sehen Sie derzeit den größten Veränderungsdruck in der Laborbranche – bei Technologie oder Kosten? Beobachten Sie weitere Entwicklungen und Trends?

Dr. Wolfgang Kuster: Der größte Veränderungsdruck entsteht nicht durch einen einzelnen Faktor, sondern durch das Zusammenspiel von Technologie, Kosten und Nachhaltigkeit. Auf der technologischen Seite sehen wir eine hohe Dynamik: Automatisierung, Robotik, KI-gestützte Datenauswertung und vernetzte Laborgeräte verändern Abläufe grundlegend. Labore müssen effizienter, digitaler und schneller werden. Gleichzeitig ist der Kostendruck in vielen Bereichen sehr unmittelbar spürbar. Forschungseinrichtungen, Universitäten, Diagnostiklabore und Unternehmen stehen vor steigenden Energie-, Personal- und Investitionskosten. Hinzu kommt, dass Innovationszyklen kürzer werden und Geräte teilweise ersetzt werden, bevor ihr technisches Potenzial ausgeschöpft ist. Deshalb wird die Frage wichtiger, ob jede technologische Weiterentwicklung automatisch eine Neuanschaffung erfordert. Die Verlängerung von Gerätelebenszyklen, qualifizierte Prüfung, Reparatur und Wiederverwendung werden künftig eine deutlich größere Rolle spielen. Die Zukunft der Laborbranche wird nicht allein von neuer Technologie bestimmt, sondern davon, wie gut es gelingt, Innovation, Wirtschaftlichkeit und Nachhaltigkeit miteinander zu verbinden.

Nachhaltigkeit ist für Sie kein Schlagwort, sondern Teil der Unternehmens-DNA. Nachträglich herzlichen Glückwunsch zum Gewinn des Deutschen Nachhaltigkeitspreises 2026. Welchen Beitrag kann Labexchange hier leisten? Was lässt sich tatsächlich messbar bewegen?

Dr. Wolfgang Kuster: Nachhaltigkeit ist längst in Forschung, Diagnostik und Industrie angekommen. Gleichzeitig werden jedes Jahr viele funktionsfähige Laborgeräte ausgemustert, obwohl sie technisch weiterhin eingesetzt werden könnten. Genau hier setzen wir an. Seit der Gründung handeln wir mit gebrauchten Laborgeräten. Zu Beginn stand für viele Käufer vor allem der günstigere Preis im Vordergrund.

Heute rückt zusätzlich der ökologische Nutzen immer stärker ins Bewusstsein – bei Käufern, Verkäufern und zunehmend auch bei Herstellern. Mit unserem LabCycle-System machen wir diesen Beitrag sichtbar und messbar. Im Mittelpunkt steht die Wiederverwendung hochwertiger Laborgeräte. Dadurch verlängert sich die Nutzungsdauer, Ressourcen werden geschont und Elektroschrott wird reduziert. Der entscheidende Punkt ist die Quantifizierung: Für Geräte wird berechnet, welche CO2-Äquivalente durch Wiederverwendung gegenüber einer Neuanschaffung vermieden werden können. Auf dieser Basis werden LabCycle-Zertifikate erstellt. Damit wird Nachhaltigkeit konkret dokumentierbar. Unternehmen und Forschungseinrichtungen können ihren Beitrag zur Kreislaufwirtschaft in ESG- und Nachhaltigkeitsberichten ausweisen und gegenüber Kunden, Investoren oder Mitarbeitenden transparent kommunizieren. Für uns ist das ein wichtiger Schritt: Nachhaltigkeit darf im Labor nicht nur behauptet werden, sie muss nachvollziehbar und belastbar dargestellt werden können.

Technische Überprüfung. © Labexchange


Sie haben Kompetenz über viele Gerätetypen und Hersteller aufgebaut. Wie gewährleisten Sie Reparatur und Wartung vieler Marken? Wo liegen die Grenzen?

Dr. Wolfgang Kuster: Über die Jahre haben wir eine herstellerübergreifende technische Expertise aufgebaut. Dazu gehören kontinuierliche Weiterbildung, technische Dokumentation, Erfahrung aus der täglichen Praxis und moderne Diagnosesysteme. So können wir viele Geräte unterschiedlicher Marken und Generationen zuverlässig prüfen, warten und reparieren. Wichtig ist außerdem unser Netzwerk aus Herstellern, Servicepartnern und Ersatzteillieferanten. Gerade bei älteren oder weniger verbreiteten Geräten ist dieses Netzwerk oft entscheidend, um eine technisch sinnvolle Lösung zu finden. Grenzen gibt es dort, wo Hersteller den Zugang zu Ersatzteilen, Diagnosesoftware oder technischen Informationen einschränken oder Ersatzteile nicht mehr verfügbar sind. Unser Anspruch ist deshalb nicht, jede Reparatur um jeden Preis durchzuführen. Entscheidend ist, dem Kunden die technisch, wirtschaftlich und sicherheitstechnisch sinnvollste Lösung anzubieten.

Fertigen Sie gegebenenfalls auch notwendige Ersatzteile selbst? Wie wichtig sind dabei Kooperationen und Netzwerke?

Maximilian Beckmann-Kuster: Bei Ersatzteilen unterscheiden wir sehr genau, was technisch möglich und was sicherheitstechnisch sinnvoll ist. Sicherheitsrelevante Komponenten müssen zuverlässig, geprüft und nachvollziehbar eingesetzt werden. Deshalb arbeiten wir bevorzugt mit Originalteilen, geeigneten Ersatzteilquellen und qualifizierten Partnern. In Einzelfällen prüfen wir auch individuelle Lösungen, wenn sie technisch vertretbar und sauber validierbar sind. Ein wichtiger Baustein ist außerdem die Wiederverwendung hochwertiger Komponenten aus Geräten, die selbst nicht mehr wirtschaftlich repariert werden können. Diese Komponenten können für Reparaturen, Testzwecke oder Prüfprozesse eingesetzt werden. So bleibt vorhandene technische Substanz im Kreislauf. Kooperationen und Netzwerke sind dabei zentral. Der Austausch mit Herstellern, unabhängigen Servicepartnern, Ersatzteillieferanten und erfahrenen Anwendern geht weit über die reine Ersatzteilversorgung hinaus.

Es geht auch um Erfahrungswissen, Best Practices und technische Problemlösung. Genau solche Netzwerke ermöglichen eine nachhaltige Gerätewirtschaft, weil sie die Nutzungsdauer von Laborgeräten verlängern und vorhandene Ressourcen effizienter einsetzen.

Wie schätzen Sie die wirtschaftliche Entwicklung der Laborbranche in den kommenden Jahren ein?

Maximilian Beckmann-Kuster: Die Laborbranche steht vor einer anspruchsvollen, aber auch sehr spannenden Entwicklung. Natürlich sehen wir wirtschaftliche und geopolitische Unsicherheiten, die Investitionsentscheidungen verzögern und für Zurückhaltung im Markt sorgen. Gleichzeitig bleibt die langfristige Nachfrage nach Analytik, Forschung, Qualitätssicherung und Life-Science-Anwendungen intakt. Die Branche hat in den vergangenen Jahren eine bemerkenswerte Widerstandsfähigkeit gezeigt. Sie profitiert von Megatrends wie Digitalisierung, Nachhaltigkeit und dem steigenden Bedarf an wissenschaftlicher Infrastruktur. Besonders im Bereich der nachhaltigen Nutzung von Laborgeräten sehen wir großes Potenzial. Der bewusste Umgang mit vorhandenen Ressourcen wird für Anwender, Betreiber und Hersteller wichtiger. Dadurch werden qualifizierte Service-, Reparatur- und Refurbishment-Konzepte künftig weiter an Bedeutung gewinnen. Für uns heißt das: Wir müssen nah an den Bedürfnissen unserer Kunden bleiben und uns flexibel an die Anforderungen des Marktes anpassen.

Welche Rolle spielt KI in Ihrer Unternehmensstrategie?

Maximilian Beckmann-Kuster: Künstliche Intelligenz spielt eine zunehmend wichtige Rolle. Sie hilft uns an vielen Schnittstellen, Prozesse schneller, strukturierter und effizienter zu gestalten. Wir nutzen KI bereits heute zur Unterstützung unserer Mitarbeitenden im Arbeitsalltag und zur Optimierung ausgewählter Geschäftsprozesse. Gleichzeitig verstehen wir KI als kontinuierlichen Entwicklungsprozess. Nicht jede Aufgabe lässt sich automatisieren – und das ist auch nicht unser Ziel. Besonders in der Beratung, bei der technischen Prüfung von Geräten und bei individuellen Kundenanforderungen bleibt menschliche Erfahrung unverzichtbar. Für uns ist KI kein Ersatz für fachliche Kompetenz, sondern ein Werkzeug. Sie soll Mitarbeitende entlasten, Routinetätigkeiten vereinfachen und mehr Freiraum für wertschöpfende, kundennahen Aufgaben schaffen. Der persönliche Kontakt bleibt in unserer Branche ein wesentlicher Erfolgsfaktor.

Wenn wir in fünf Jahren noch einmal sprechen: Woran würden Sie messen, ob Labexchange die richtigen Weichen gestellt hat?

Maximilian Beckmann-Kuster: Natürlich werden wir wirtschaftliche Entwicklung, Wachstum und strategische Ziele betrachten. Aber mindestens genauso wichtig ist für uns die Frage, welchen Beitrag wir zur Etablierung einer nachhaltigen Gerätewirtschaft leisten konnten. Unser Anspruch ist, dass Hersteller, Anwender und Betreiber noch stärker erkennen, dass der qualifizierte An- und Verkauf gebrauchter Labortechnik ein wichtiger Bestandteil eines verantwortungsvollen Umgangs mit Ressourcen ist. Erfolg bemisst sich deshalb nicht nur an klassischen Kennzahlen, sondern auch daran, wie breit sich dieser Gedanke in der Branche verankert. Dafür braucht es starke Partnerschaften mit Herstellern, Servicepartnern und Anwendern. Nur gemeinsam lassen sich nachhaltige Lösungen entwickeln, die zugleich technisch hochwertig, wirtschaftlich sinnvoll und praxistauglich sind. In fünf Jahren möchten wir sagen können: Wir sind nicht nur als Unternehmen gewachsen, sondern haben dazu beigetragen, Kreislaufwirtschaft im Laborumfeld messbarer, akzeptierter und selbstverständlicher zu machen.

Vielen Dank Herr Maximilian Beckmann-Kuster und Herr Dr. Wolfgang Kuster für Ihre Ausführungen.

Quelle

Wiley Analytical Science (07/2026)

Nach oben scrollen