Das Biopolymer Lignin gehört zu den bedeutendsten Kohlenstoffspeichern in pflanzlichen Geweben und Böden. Während der Ligninabbau klassischerweise enzymatischen Pfaden von Pilzen und Bakterien zugeschrieben wird, zeigt eine Studie des Instituts für Geowissenschaften der Universität Heidelberg einen rein chemischen Abbauweg: Über eine Reaktion von Eisen mit reaktiven Sauerstoffspezies (ROS) wird Lignin abiotisch zu Methanol und in der Folge zu Formaldehyd umgewandelt. Das Forschungsteam wies diesen Mechanismus in natürlichen Böden bereits durch einfaches Befeuchten ohne Zugabe von Reagenzien nach. Dies rückt einen bislang unberücksichtigten abiotischen Abbaupfad in den Fokus, der globale Kohlenstoffkreisläufe, Spurengasflüsse sowie die Atmosphärenchemie beeinflusst.
Lignin verleiht pflanzlichen Zellwänden mechanische Stabilität und zeichnet sich strukturell durch einen hohen Anteil an Methoxygruppen (–OCH3) aus. Eisenminerale sowie reaktive Sauerstoffspezies treten ubiquitär in Böden auf – insbesondere unter fluktuierenden Redox- und Umweltbedingungen. Während Methanol und Formaldehyd industriell relevante Chemikalien sind, dienen sie im Boden als Substrate für den mikrobiellen Metabolismus.
Reaktionskinetik und Demethoxylierungsmechanismus
Der identifizierte abiotische Angriff durch reaktive Eisensauerstoffspezies unterscheidet sich grundlegend von bekannten biochemischen Abbaupfaden: Statt nur den Methylrest abzuspalten, führt der Mechanismus zur direkten Freisetzung der intakten Methoxygruppe (Demethoxylierung), woraus primär Methanol und sekundär Formaldehyd entstehen. „Die Reaktion läuft bereits bei Zimmertemperatur und Normaldruck in Wasser ab und wird sich bei höheren Temperaturen noch verstärken. Bisher war sie nur aus der Industrie bekannt – dort bei über 285 Grad Celsius, erhöhtem Druck und unter Wasserstoffatmosphäre“, erläutert Dr. Jonas Hädeler.
Zur Aufklärung des Reaktionswegs nutzten die Forschenden isotopenmarkierte Substrate. Mittels Isotopenanalytik ließ sich die Abspaltung der Methoxygruppe als intakte Einheit experimentell verfolgen. Quantenchemische Berechnungen der Arbeitsgruppe um Prof. Dr. Peter Comba bestätigten den Mechanismus thermodynamisch. „Sie weisen für die Abspaltung der ganzen Methoxygruppe die niedrigste Energiebarriere aus – chemisch gesehen der günstigste der untersuchten Reaktionswege. Genau das stimmt mit den experimentellen Beobachtungen überein“, erläutert Prof. Comba.
Nachweis in Bodenproben und atmosphärische Relevanz
In Experimenten mit sterilisierten Bodenproben induzierte allein die Zugabe von Wasser die Bildung von Methanol und Formaldehyd, ohne dass externe Eisen- oder ROS-Quellen zugesetzt werden mussten. Auch über mehrere Befeuchtungs- und Trocknungszyklen hinweg blieb die Methanolsynthese stabil. Nach gezielter chemischer Entfernung der Methoxygruppen unterblieb die Reaktion. In biologisch aktiven Böden ist die Messkonzentration von Methanol geringer, da es rasch mikrobiell metabolisiert wird. „Es wirkt also vor allem als Zwischenprodukt, das abiotische Chemie und mikrobiellen Stoffwechsel verbindet“, so Dr. Hädeler.
„Dass die Verbindungen Methanol und Formaldehyd auch rein chemisch aus ligninreichen organischen Materialien freigesetzt werden können, hat uns überrascht“, betont Prof. Frank Keppler. Entweichen die leichtflüchtigen Verbindungen in die Gasphase, nehmen sie Einfluss auf photochemische Prozesse in der Atmosphäre. Da die Bildungsrate temperaturabhängig ansteigt, besitzen die Befunde auch Relevanz für Klimamodelle. „Was dies im Klimakontext bedeutet, müssen weitere Feldstudien klären“, sagt der Geowissenschaftler. Darüber hinaus eröffnen die Ergebnisse neue Perspektiven für die stoffliche Verwertung von Lignin als Nebenprodukt der Zellstoffindustrie.
An den Untersuchungen waren neben dem Institut für Geowissenschaften und dem Anorganisch-Chemischen Institut auch das Heidelberg Center for the Environment sowie das Interdisziplinäre Zentrum für Wissenschaftliches Rechnen (IWR) der Universität Heidelberg beteiligt.
Quelle
Universität Heidelberg (09/2026)
Publikation
J. Hädeler, G. Velmurugan, R. Lauer, I. Hanstein, J. Wenhuda, R. Radhamani, P. Comba & F. Keppler: Iron-induced demethoxylation of lignin as an important source for methanol and its oxidation products in the environment. Nature Communications 17, 8334
https://doi.org/10.1038/s41467-026-76679-x