Wie flexible Proteinregionen ihre Funktion bewahren

17. März 2026

Eine neue LMU-Studie zeigt, wie Proteine ohne geordnete 3D-Struktur zuverlässig funktionieren und warum neben kurzen Sequenzmotiven auch ihre chemischen Eigenschaften entscheidend sind. Da viele Proteine nicht nur aus starren Bauteilen bestehen, enthalten sie flexible, intrinsisch ungeordnete Regionen (IDRs), die trotz fehlender stabiler Struktur zentrale Aufgaben übernehmen.

„Solche ungeordneten Proteindomänen machen ungefähr ein Drittel aller Proteinstrukturen aus und sind in letzter Zeit besonders in den Fokus geraten, weil klar wurde, dass sie besonders vielfältige Interaktionen eingehen, biomolekulare Kondensate bilden können und an praktisch allen wesentlichen Zellfunktionen beteiligt sind“, erklärt Professor Philipp Korber. Diese Bereiche geben der Forschung Rätsel auf, da sich ihre Aminosäuresequenz evolutionär stark verändert, während die Funktion stabil bleibt. Die Studie erklärt diesen Widerspruch durch das Zusammenspiel der linearen Aminosäureabfolge und der übergeordneten chemischen Merkmale der gesamten Region.

Flexible Abschnitte mit wichtiger Aufgabe

Das Forschungsteam der LMU, der TU München, von Helmholtz Munich und der Washington University untersuchte dabei ein essentielles, ungeordnetes Proteinsegment des Hefeproteins Abf1. An diesem Modellsystem testeten sie systematisch über 150 Varianten, um zu klären, welche veränderten oder neu entworfenen Sequenzen den natürlichen Abschnitt ersetzen können. Die Ergebnisse zeigen, dass einerseits kurze Bindungsmotive für spezifische molekulare Kontakte entscheidend sind, während andererseits der chemische Gesamtkontext – etwa die Ladungsverteilung und Wasserlöslichkeit der Aminosäuren – eine tragende Rolle spielt. Erst das Zusammenwirken dieser linearen Motive mit den übergeordneten physikochemischen Eigenschaften entscheidet über die Funktionsfähigkeit der Region.

„Intrinsisch ungeordnete Regionen wirken auf den ersten Blick widersprüchlich: Sie sind biologisch sehr wichtig, lassen sich aber mit klassischen Sequenzvergleichen oft nur unzureichend erklären“, sagt Korber, der die Studie zusammen mit Alex Holehouse leitete. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass ihre Funktion nicht an einem konservierten linearen Bauplan hängt, sondern aus dem variablen Zusammenspiel unterschiedlicher Anteile von linearen Sequenzmotiven und physikochemischer Eigenschaften entsteht.“

Wenn Chemie ein fehlendes Motiv ausgleicht

Ein besonders überraschender Befund der Studie weist über das konkrete Modellsystem hinaus: Ein in der natürlichen Proteinregion eigentlich unverzichtbares Bindungsmotiv kann unter bestimmten Bedingungen entbehrlich werden, da Veränderungen der chemischen Eigenschaften im umgebenden Sequenzkontext den Funktionsverlust ausgleichen können. Umgekehrt reicht es nicht aus, nur die grobe Zusammensetzung einer Region zu erhalten, wenn das entscheidende Motiv zerstört oder der chemische Kontext ungünstig gewählt ist. Die Ergebnisse verdeutlichen, dass IDRs auf einer funktionellen Landschaft operieren, in der verschiedene molekulare Lösungen zum selben Ziel führen.

„Das erweitert den Raum möglicher funktionierender Sequenzen ganz erheblich“, sagt Korber. „Evolution von intrinsisch ungeordneten Regionen kann offenbar verschiedene molekulare Strategien nutzen und dennoch dieselbe biologische Funktion erhalten. Das hilft uns zu verstehen, warum diese Proteinregionen im Lauf der Evolution so variabel sein können, ohne ihre Funktion zu verlieren.“

Neue Perspektiven für Evolutionsbiologie und Medizin

Diese Arbeit liefert einen allgemeinen Rahmen für ein besseres Verständnis der Evolution ungeordneter Proteinregionen und eröffnet zugleich neue Perspektiven für die biomedizinische Forschung. Da viele krankheitsrelevante Veränderungen gerade diese flexiblen Abschnitte betreffen, deren Bedeutung bislang schwer einzuschätzen war, bietet der neue Ansatz einen entscheidenden Mehrwert. Die Erkenntnis, dass sich die Funktion aus dem Zusammenspiel von Motiven und chemischen Eigenschaften ergibt, könnte künftig dabei helfen, Mutationen präziser zu bewerten und künstliche Proteine gezielter zu entwerfen.

Quelle

Ludwig-Maximilians-Universität München (03/2026)

Publikation

Langstein-Skora, I., Schmid, A., Huth, F. et al. Sequence and chemical specificity define the functional landscape of intrinsically disordered regions. Nature Cell Biology 28, 323–337 (2026). https://doi.org/10.1038/s41556-025-01867-8

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