Obwohl die Entstehung von Long COVID noch weitgehend ungelöst ist, beleuchtet eine aktuelle Studie des Zentrums für Individualisierte Infektionsmedizin (CiiM) neue molekulare Zusammenhänge. Durch die Analyse verschiedener molekularer Ebenen in Einzelzellen identifizierten die Forschenden einen spezifischen Zustand im Inneren von Immunzellen. Dieser korreliert direkt mit erhöhten Entzündungsmarkern sowie Symptomen wie Fatigue und Atemwegsproblemen bei Betroffenen.
Das lückenhafte Mosaik: Neue Ansätze zur Entschlüsselung von Long COVID
In Deutschland leiden bis zu zehn Prozent der Menschen nach einer SARS-CoV-2-Infektion an Long COVID. Die Betroffenen kämpfen oft über Monate oder Jahre mit vielfältigen Symptomen wie Fatigue, Konzentrationsstörungen, Atemwegsbeschwerden oder neurologischen Beeinträchtigungen, wobei das Krankheitsbild individuell stark variiert. „Long COVID ist eine äußerst komplexe Erkrankung mit verschiedenen Ausprägungen“, sagt Prof. Yang Li. „Wie und in welcher Ausprägung Long COVID entsteht, ist bislang noch nahezu unverstanden. Bildlich gesprochen liegt hier leider erst ein extrem lückenhaftes Mosaik vor.“
Neue Einblicke in die molekularen Mechanismen von Long COVID
Um die krankmachenden Mechanismen hinter Long COVID zu entschlüsseln, haben das Team um Studienleiterin Yang Li sowie die Gruppen von Prof. Thomas Illig (MHH) und Prof. Jie Sun (University of Virginia) gemeinsam mit weiteren Partnern nach fehlenden Mosaiksteinen gesucht. Im Zentrum der Untersuchung standen Immunzellen von Betroffenen aus der zentralen Biobank der MHH. „Wir haben die Zellen in einem sogenannten Einzelzell-Multiomics-Ansatz untersucht. Auf diese Weise konnten wir den molekularen Status innerhalb einer Zelle erfassen und Einblicke in zelluläre Zusammenhänge erhalten“, erklärt Dr. Saumya Kumar.
Ergänzend dazu analysierten die Forschenden die Konzentration entzündungsfördernder Zytokine im Blutplasma, wobei ein besonderes Augenmerk auf der methodischen Gruppierung lag. „Der zentrale und innovative Ansatz unserer Studie ist die Einteilung der Patientendaten nach dem Schweregrad der ursprünglich durchlaufenen COVID-19-Erkrankung“, sagt Yang Li. „Auf diese Weise kann die damit zusammenhängende unterschiedliche Immunreaktion erfasst werden. Und nur so ist es möglich, eindeutige molekulare Merkmale zu identifizieren, die den chronischen Symptomen von Long COVID tatsächlich zugrunde liegen.“
Fokus auf die Monozyten: Ein molekularer Zustand als Krankheitsindikator
Im Rahmen ihrer Big-Data-Studie widmeten sich die Forschenden der Frage, wie sich das molekulare Setting der Immunzellen im Verlauf von Long COVID verändert und ob es spezifische Marker für Symptome wie Fatigue oder Atembeschwerden gibt. Dabei rückte ein besonderer molekularer Zustand im Inneren der sogenannten CD14+-Monozyten in den Fokus – jener weißen Blutkörperchen, die eine zentrale Rolle in der Immunabwehr spielen. „Mithilfe der Einzelzellanalyse konnten wir in diese Zellen hineinzoomen. Dabei zeigte sich, dass Monozyten mit einem bestimmten molekularen Zustand in ihrem Zellinneren, den wir „LC-Mo“ nannten, insbesondere bei Long COVID-Patienten vorhanden waren, die zuvor eine milde bis moderate COVID-19-Erkrankung durchlaufen hatten“, sagt Saumya Kumar. „Außerdem korrelierte LC-Mo mit der Schwere von Fatigue und Atemwegssymptomen und ging mit erhöhten Zytokin-Werten im Blutplasma einher, die ein Anzeiger für Entzündungsprozesse im Körper sind.“
Mit der Entdeckung von LC-Mo ist es dem Forschungsteam gelungen, einen wesentlichen neuen Mosaikstein im Verständnis der Erkrankung zu identifizieren. „Sein genauer Platz im Entstehungsbild von Long COVID muss zwar noch gefunden werden, doch er bietet spannende Ansatzpunkte für weiterführende Studien, etwa mit Blick auf genetische Risikofaktoren oder individualisierte Medizin“, sagt Yang Li. Die Tragweite dieser Erkenntnisse geht dabei über die aktuelle Pandemie hinaus: „Wenn wir die Hintergründe für die Entstehung von Long COVID besser verstehen lernen, hilft uns das auch, die Entstehung möglicher Spät- oder Langzeitfolgen anderer Infektionskrankheiten besser zu verstehen.“ Somit ebnet dieser Befund den Weg für eine umfassendere Erforschung postinfektiöser Syndrome.
Quelle
Helmholtz-Zentrum für Infektionsforschung (01/2026)
Publikation
Saumya Kumar, Chaofan Li, Liang Zhou, Qiuyao Zhan, Ahmed Alaswad, Sonja Volland, Bibiana Costa, Simon Alexander Krooss, Isabel Klefenz, Hagen Schmaus, Antonia Zeuzem, Dorothee von Witzendorff, Helena Lickei, Lea Pueschel, Anke R. M. Kraft, Markus Cornberg, Andreas Rembert Koczulla, Isabell Pink, Marius M. Hoeper, Cheng-Jian Xu, Susanne Häussler, Miriam Wiestler, Mihai G. Netea, Thomas Illig, Jie Sun & Yang Li: A distinct monocyte transcriptional state links systemic immune dysregulation to pulmonary impairment in long COVID. Nature Immunology (2026); https://doi.org/10.1038/s41590-025-02387-1