Röntgenlaser enthüllt, wie Elektronen zusammenspielen

22. Januar 2026

Am Schweizer Freie-Elektronen-Röntgenlaser SwissFEL ist es Forschenden gelungen, ein langjähriges physikalisches Ziel zu verwirklichen: Sie machten das komplexe Zusammenspiel von Elektronen – bildlich als „Tanz“ beschrieben – sichtbar. Dieses als Röntgen-Vierwellenmischung bekannte Verfahren ermöglicht völlig neue Einblicke in den Energie- und Informationsfluss innerhalb von Atomen und Molekülen. Langfristig könnte die Methode entscheidend dazu beitragen, das Speichern und den Verlust von Quanteninformationen besser zu verstehen und so die Fehlertoleranz in der Quantentechnologie maßgeblich zu verbessern.

Den Quanten auf der Spur: Röntgen-Vierwellenmischung macht elektronische Wechselwirkungen sichtbar

Das Verhalten von Materie – von einfachen chemischen Systemen bis hin zu hoch entwickelten Werkstoffen – wird maßgeblich durch die gegenseitige Beeinflussung der Elektronen bestimmt. Diese Wechselwirkungen definieren, wie sich Moleküle anordnen, ob Materialien leiten oder isolieren und wie Energie transportiert wird. In vielen Quantensystemen, insbesondere in der Quanteninformatik, werden Informationen in den empfindlichen Mustern dieser Interaktionen gespeichert, den sogenannten Kohärenzen.

Ein zentrales Problem stellt dabei die Dekohärenz dar: Gehen diese kurzlebigen Zustände verloren, verschwinden auch die gespeicherten Informationen. Das Verständnis und die gezielte Kontrolle dieser Prozesse zählen zu den größten Herausforderungen der modernen Quantentechnologie. Die am SwissFEL erfolgreich demonstrierte Röntgen-Vierwellenmischung bietet hierfür nun ein entscheidendes Werkzeug, um diese Dynamiken erstmals direkt zu beobachten und langfristig zu stabilisieren.

Neues Röntgenverfahren macht Quanten-Kohärenzen sichtbar

Obwohl zahlreiche Techniken existieren, um das Verhalten einzelner Elektronen zu analysieren, blieb die Wissenschaft für die komplexen Muster ihrer Wechselwirkungen – die Kohärenzen – bislang weitgehend blind. Um diese Lücke zu schließen, haben Forschende des Paul Scherrer Instituts (PSI) und der EPFL gemeinsam mit dem Max-Planck-Institut für Kernphysik (MPIK) sowie der Universität Bern am SwissFEL die sogenannte Röntgen-Vierwellenmischung entwickelt.

„Wir erfahren, wie die Elektronen miteinander tanzen – ob sie sich an den Händen halten oder ob sie alleine tanzen“, sagt Gregor Knopp. „Das eröffnet neue Einblicke in Quantenphänomene und kann unser Verständnis der Materie verändern.“

Wie NMR, aber mit Röntgenlicht

Vom Konzept her weist die Röntgen-Vierwellenmischung Ähnlichkeiten zur Kernspinresonanz (NMR) auf, die als MRT-Verfahren im Klinikalltag etabliert ist. Beide Methoden nutzen eine Abfolge mehrerer Pulse, um Kohärenzen in der Materie gezielt zu erzeugen und anschließend auszulesen. Während die Vierwellenmischung mit infrarotem oder sichtbarem Licht bereits erfolgreich eingesetzt wird, um Molekülschwingungen und optische Kommunikation zu untersuchen, ermöglicht der Einsatz von Röntgenlicht nun den Vorstoß in deutlich kleinere Dimensionen.

Durch diesen leistungsfähigen Ansatz lässt sich direkt in die Welt der Elektronen vordringen. „Andere Verfahren bieten Aufschluss darüber, wie Atome oder Moleküle insgesamt miteinander oder mit ihrer Umgebung interagieren. Mit Röntgenlicht können wir dagegen bis zu den Elektronen heranzoomen“, erklärt Ana Sofia Morillo Candas. Die Fähigkeit, diese wechselseitigen Interaktionen gezielt zu untersuchen, eröffnet völlig neue Einblicke – von der Speicherung von Quanteninformationen bis hin zur Optimierung biologischer Moleküle oder neuartiger Materialien für Batterien und Solarzellen.

Das unmögliche Experiment

Jahrzehnte nach der ersten theoretischen Idee blieb die praktische Umsetzung eines solchen Röntgenexperiments nahezu unmöglich, da die technischen Hürden gewaltig waren. Bei der Vierwellenmischung müssen drei einfallende Lichtwellen so auf Materie einwirken, dass eine vierte Welle entsteht. „Um eine Vierwellenmischung zu erreichen, muss man im Allgemeinen verschiedene Lichtstrahlen teilen, verzögern und wieder zusammenführen“, erklärt Morillo Candas.

Die extrem kurze Wellenlänge der Röntgenstrahlen erfordert dabei eine Präzision, die sich bildlich mit dem Versuch vergleichen lässt, drei Dartpfeile aus einem Kilometer Entfernung punktgenau auf wenige Nanometer Abstand in eine Scheibe zu werfen. Neben dieser geometrischen Exaktheit ist die Intensität entscheidend, da das resultierende Signal extrem schwach ausfällt. Nur große Freie-Elektronen-Röntgenlaser wie der SwissFEL können die hierfür nötigen ultrakurzen und extrem hellen Lichtblitze liefern. „Seit dem Bau des SwissFEL vor zehn Jahren haben Forschende von diesem Experiment geträumt“, sagt Knopp.

Ein Licht in der Nacht

Der Erfolg ist einem Trick zu verdanken, der Experimenten mit konventionellem Laserlicht statt Röntgenstrahlen abgeschaut wurde: eine Aluminiumplatte mit vier winzigen Löchern. Das Röntgenlicht passiert drei dieser Löcher und – wenn das Experiment erfolgreich ist – erscheint an dem vierten Loch ein neues Röntgensignal.

„Vom Konzept her ist das eine einfache Lösung“, sagt Knopp, der sich mit optischem Laserlicht auskennt. „Wenn man diese Experimente mit infrarotem oder sichtbarem Licht durchführt, macht man es so.“ Dieser Ansatz unterscheidet sich stark von früheren Bemühungen, eine Röntgen-Vierwellenmischung zu erreichen, erschien Knopp aber eine naheliegende Lösung. „Wir waren erstaunt, als wir sahen, wie stark das Signal war“, fügt er hinzu.

Als Morillo Candas das Signal im Kontrollraum der Experimentierstation Maloja am SwissFEL sah, war es mitten in der Nacht. Sie erinnert sich: „Es glühte wie ein Lichtpunkt auf dem Bildschirm. Für jeden anderen würde es nach nichts aussehen. Aber wir haben vor Freude Luftsprünge gemacht.“

Vom ersten Signal zur etablierten Bildgebungstechnik

Die erfolgreiche Premiere der Röntgen-Vierwellenmischung fand in Neon statt. Da dieses Edelgas physikalisch sehr gut verstanden ist und keine komplexen elektronischen Wechselwirkungen aufweist, bot es die idealen Bedingungen, um das schwache Signal zweifelsfrei zu identifizieren. Nach diesem Machbarkeitsnachweis plant das Team am SwissFEL nun, komplexere Gase sowie Flüssigkeiten und Festkörper zu untersuchen, in denen Elektronen auf vielfältige Weise interagieren.

Sowohl Morillo Candas als auch Knopp sind überzeugt, dass die Robustheit und Einfachheit ihrer Lösung eine schnelle Verbreitung der Methode begünstigen wird. Langfristig könnte sich das Verfahren zu einer bildgebenden Technik entwickeln, die präzise zeigt, wo in einem Material Quanteninformationen gespeichert werden und an welchen Stellen sie durch Dekohärenz verloren gehen. Solche bisher unzugänglichen Erkenntnisse könnten entscheidend sein, um stabilere Qubits zu entwickeln und die Fehlerraten künftiger Quantencomputer zu senken.

Knopp zieht dabei eine historische Parallele: „Wenn Sie in den 1960er-Jahren gefragt hätten: ‹Können Sie eine NMR-Untersuchung meines Knies durchführen?›, hätte die Antwort gelautet: Was? Aber der Anfang war derselbe – ein erstes Signal. Das ist der Stand der Dinge. Ich denke, wenn wir die Entwicklung vorantreiben, könnte die Röntgen-Vierwellenmischung eines Tages ein gängiges Verfahren zur Untersuchung winziger Quantengeräte sein.“

Quelle

Paul Scherrer Institut PSI (01/2026)

Publikation

Coherent nonlinear X-ray four-photon interaction with core-shell electrons
Ana Sofia Morillo-Candas, Sven Augustin, Eduard Prat, Antoine Sarracini, Jonas Knurr, Serhane Zerdane, Zhibin Sun, Ningchen Yang, Marc Rebholz, Hankai Zhang, Yunpei Deng, Xinhua Xie, Elnaz Zyaee, David Rohrbach, Andrea Cannizzo, Andre Al-Haddad, Kirsten Schnorr, Christian Ott, Thomas Feurer, Christoph Bostedt, Thomas Pfeifer and Gregor Knopp
Nature, 14.01.2026
DOI: 10.1038/s41586-025-09911-1
https://www.nature.com/articles/s41586-025-09911-1

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