Weltweit sind Millionen Frauen von vaginalen Pilzinfektionen betroffen. Hauptauslöser ist der opportunistische Hefepilz Candida albicans. Das klinische Bild reicht von Pruritus und Verbrennungen bis zu chronisch-rezidivierenden Entzündungen. Ein internationales Forschungsteam identifizierte nun einen potenziellen zellulären Antagonisten. Überraschenderweise handelt es sich um einen spezifischen Stamm der Bäckerhefe Saccharomyces cerevisiae.
Interdisziplinäre Identifikation eines protektiven Hefestamms
Die Studie basiert auf einer Kooperation der KU Leuven und dem Leibniz-HKI Jena. Gefördert wurde das Projekt durch den Microverse Exchange Fund. Die Forschenden isolierten einen Saccharomyces-Stamm mit dualem Wirkmechanismus. Er inhibiert sowohl die Proliferation als auch die Virulenzfaktoren von Candida albicans. Gleichzeitig dämpft er die immunologische Entzündungsantwort des Wirtsgewebes.
Mikrobielles Gleichgewicht und Pathogenität
Candida albicans ist Bestandteil der humanen Kommensalflora. Disbalancen der Mikrobiota führen jedoch zu unkontrollierter Proliferation. Die Folge sind akute Entzündungsreaktionen der Schleimhäute. „Viele Menschen denken bei Mikroorganismen zuerst an Krankheitserreger“, sagt Dr. Mark Gresnigt. „Unsere Ergebnisse zeigen eindrucksvoll, dass Mikroben auch Verbündete sein können. Bestimmte Hefen können krankmachende Pilze ausbremsen und gleichzeitig helfen, überschießende Entzündungsreaktionen zu verhindern.“
In-vitro-Screening und zelluläre Target-Analysen
Dr. Mart Sillen (KU Leuven) evaluierte initial 70 verschiedene Stämme von Saccharomyces cerevisiae. Ein vaginales Isolat zeigte hierbei die höchste inhibitorische Aktivität. Der Stamm reduzierte die Adhäsion an Epithelzellen und störte die Biofilm-Formation des Pathogens. In Jena folgten mechanistische Analysen mittels Live-Cell-Imaging. Das Team untersuchte dabei die Interaktion der Bäckerhefe mit humanen Immunzellen.
„Mart hatte bereits detailliert untersucht, wie die Hefe den Krankheitserreger direkt beeinflusst“, erklärt Gresnigt. „In Jena konnten wir unsere Expertise zur Immunologie von Pilzinfektionen einbringen. Gemeinsam fanden wir heraus, dass die Hefe nicht nur den Erreger schwächt, sondern auch Entzündungsreaktionen reduziert und die Fähigkeit von Immunzellen verbessert, die Infektion zu beseitigen.“
Die Bildgebungsdaten zeigten eine gesteigerte Clearance-Effizienz der Immunzellen trotz herabgesetzter Entzündungssignale. Im murinen Modell bestätigte sich dieser Effekt. Die Applikation der Hefe senkte die renale Pilzlast signifikant. Zudem gingen die histologischen Entzündungszeichen zurück.
Potenzial für mikrobielle Therapeutika
Die Daten liefern die Basis für neuartige, mikrobiom-basierte Therapieformen. Statt rein antimikrobieller Wirkstoffe könnten gezielt Probiotika das Mikrobiom restrukturieren. Dies dämmt gleichzeitig Gewebeschäden durch Hyperinflammation ein. Die Studie belegt zudem den Nutzen internationaler Forschungsnetzwerke. Der Microverse Exchange Fund fördert gezielt diesen interdisziplinären Wissenstransfer. Die Kooperation bündelte komplementäre Expertisen zur Entschlüsselung komplexer Wirt-Erreger-Interaktionen. Vor einem klinischen Einsatz am Patienten sind weitere In-vivo-Studien zwingend erforderlich. Das Potenzial gezielter mikrobiologischer Modulatoren zur Infektionsbekämpfung gilt jedoch als hoch.
Quelle
Publikation
Sillen M, El Abyad D, Vreys N et al. (2026) Saccharomyces cerevisiae reduces vulvovaginal candidiasis severity through modulation of fungal pathogenicity and inflammatory responses. Nat Commun 17, 5580. https://doi.org/10.1038/s41467-026-74733-2