Mutagene Stoffe in Lebensmitteln und Kosmetika aufspüren

19. März 2026

In zahlreichen Alltagsprodukten finden sich Stoffe, die das menschliche Erbgut permanent schädigen oder umbauen können. Einem Team um Prof. Dr. Gertrud Morlock von der Justus-Liebig-Universität Gießen (JLU) gelang es mittels eines neuartigen Screening-Verfahrens, solche Mutagene sowie zelltoxische Substanzen erstmals in Fleisch, Lebensmitteln, Raucharomen, Wasser und Pflegeprodukten nachzuweisen. Die neue Methode erlaubt es zudem, die Mutagenität von Einzelstoffen in komplexen Gemischen zu identifizieren und eine mögliche Entgiftung durch eine simulierte menschliche Leber-Verstoffwechselung zu prüfen. Letztere Untersuchung ergab jedoch, dass eine Entgiftung im Körper kaum stattfindet.

Effizienter Nachweis unbekannter Mutagene

Das neue planare Bioassay-Verfahren zeichnet sich dadurch aus, dass es Mutagene identifiziert, ohne deren chemische Struktur vorab kennen zu müssen. Dadurch lassen sich auch bislang unbekannte Inhaltsstoffe, Verunreinigungen, Rückstände oder Abbauprodukte in komplexen Gemischen aufspüren. „Im Gegensatz zu den bisher eingesetzten in vitro-Tests können wir komplexe Proben zuverlässig, schnell und kostengünstig testen. Wir haben durch die planare Trennung und die Bioassaydetektion auf derselben Trennoberfläche keine Einschränkungen mehr – wie hinsichtlich Löslichkeit oder überlagerter Signale“, erläutert Prof. Morlock. „Dieses sehr effiziente Testverfahren liefert aussagekräftigere Ergebnisse, verbessert unser Verständnis zur Mutagenität komplexer Proben und fordert ein Umdenken im Verbraucherschutz. Denn wir entdecken nicht nur bisher bekannte Mutagene, sondern vor allem auch neue Mutagene, die ebenso schädlich wirken, und nun mitberücksichtigt werden müssen.“

Wissenschaftliche Stütze für strengere Produktregulierungen

Die Forschungsergebnisse bestätigen aktuelle EU-Verbote von Raucharomen sowie die strengere Regulierung von Mineralöl-Rückständen in Lebensmitteln. „Auch die Einstufung von rotem Fleisch als ‚wahrscheinlich karzinogen für den Menschen‘ durch die Internationale Agentur für Krebsforschung wird durch unsere Daten untermauert“, so Prof. Morlock. Die Studie identifizierte zudem Mutagene in bisher unzureichend regulierten Produkten wie Lippenstiften, Parfüms sowie verschiedenen Haut- und Wundcremes. Darüber hinaus ermöglicht das neue Verfahren eine zuverlässige Kontrolle darüber, wie effektiv Kläranlagen mutagene Stoffe aus dem Abwasser filtern und wie sicher die Qualität des Trinkwassers ist.

Strategien zur Reduktion von Mutagenen im Alltag

„Die Exposition gegenüber Mutagenen sollte so gering wie möglich sein, auch wenn schwer nachzuweisen ist, welchen Effekt diese Schadstoffe genau auf den Menschen oder die Umwelt haben“, sagt Prof. Morlock. Bei belasteten Pflegeprodukten besteht das Risiko negativer Einflüsse auf das Hautmikrobiom sowie den gesamten Organismus, vor allem wenn Schadstoffe über Wunden oder Mikrorisse direkt in die Blutbahn gelangen oder durch Abwaschen in die Umwelt freigesetzt werden. „Da viele Alltagsprodukte häufig genutzt werden, ist es dringend notwendig, dass sie sicherer werden“, betont Prof. Morlock. „Das neue Verfahren eröffnet die Möglichkeit, Schadstoffe in diesen Produkten zu entdecken und zu reduzieren. Die entdeckten Mutagene können weiter untersucht und identifiziert werden, um ihre Herkunft aufzuklären. Daraus lassen sich Wege zur Vermeidung dieser Stoffe ableiten.“

Kostengünstiges Open-Source-System für die Qualitätskontrolle

Als praktisches Werkzeug für Hersteller und Aufsichtsbehörden haben die JLU-Forschenden das 2LabsToGo-Eco entwickelt. Dabei handelt es sich um ein miniaturisiertes, kostengünstiges Open-Source-System, das den Einsatz der neuen Testverfahren direkt in der Produktion, der Qualitätskontrolle oder der behördlichen Überwachung ermöglicht.

Quelle

Justus-Liebig-Universität Gießen (03/2026)

Publikation

Schmidtmann K., Kayser A-C., Morlock G.E. High-Throughput Testing for Unknown Mutagens and Cytotoxica via Duplex Planar Ames–Cytotoxicity Bioassay Including Metabolic S9 Activation, https://pubs.acs.org/doi/10.1021/acs.analchem.5c06690
Morlock G.E., Chemical safety screening of products – better proactive, J. Chromatogr. A 1752 (2025) 465946. https://doi.org/10.1016/j.chroma.2025.465946
Romero M.C.O., Jakob K., Schmidt J., Nimmerfroh T., Schwack W., Morlock, G.E., Consolidating two laboratories into the most sustainable lab of the future: 2LabsToGo-Eco, Anal. Chim. Acta 1367 (2025) 344103. https://doi.org/10.1016/j.aca.2025.344103

Nach oben scrollen