Die Europäische Kommission plant eine grundlegende Reform der Zulassungsverfahren für Pestizide. Ein neues Gesetzespaket soll administrative Abläufe vereinfachen und den bürokratischen Aufwand reduzieren.
Wissenschaftler aus 27 europäischen Forschungseinrichtungen warnen im Fachjournal Science vor diesem Schritt. Das geplante „Omnibus-Paket X: Sicherheit von Lebens- und Futtermitteln“ schwächt laut den Autoren zentrale toxikologische und ökotoxikologische Schutzmechanismen.
„Das Omnibus-Paket würde die regelmäßige Neubewertung von Pestizid-Wirkstoffen weitgehend abschaffen und bestehende Schwachstellen der Risikoabschätzung vor der Marktzulassung unkorrigiert lassen“, sagt Wintermantel. „Das erhöht die Risiken von Pestiziden für die Biodiversität und die menschliche Gesundheit. Wir sind der Auffassung, dass das Paket damit eindeutig das Vorsorgeprinzip untergräbt und europäischen und internationalen Umweltschutzzielen entgegenwirkt.“
Abschaffung der periodischen Wirkstoffprüfung
Bisher unterliegen Pestizid-Wirkstoffe in der EU meist einer Befristung auf zehn Jahre. Für eine Weiterzulassung müssen Hersteller neue sicherheitsrelevante Analysendaten für eine erneute Risikoüberprüfung vorlegen.
Das Omnibus-Paket sieht für die meisten Wirkstoffe eine zeitlich unbegrenzte Zulassung vor. Eine regelmäßige, systematische Re-Evaluation entfällt damit. Nach der Marktzulassung existiert zudem kein standardisiertes Monitoring zur Erfassung unvorhergesehener Umweltrisiken.
Es erfolgt eine regulatorische Beweislastumkehr vom Hersteller hin zu den Überwachungsbehörden. „In der Praxis hat sich die regelmäßige Neubewertung als ein wichtiges Instrument erwiesen. Seit 2011 haben 59 Wirkstoffe aufgrund von Gesundheits- oder Umweltbedenken keine Neu-Zulassung erhalten“, sagt Wintermantel.
Reduzierte Relevanz aktueller wissenschaftlicher Daten
Die Genehmigung konkreter Endprodukte erfolgt auf nationaler Ebene durch die Mitgliedsstaaten. Bisher mussten die Behörden den aktuellen Stand der Wissenschaft zwingend berücksichtigen.
Die Reform definiert den rechtlich bindenden Wissensstand neu. Als maßgeblich gilt künftig der Stand der letzten EU-Wirkstoffprüfung. Bei unbegrenzten Zulassungen kann dieser wissenschaftliche Datenstatus jedoch Jahrzehnte zurückliegen. Aktuelle akademische Studien würden somit in der Genehmigungspraxis an Relevanz verlieren.
Verlängerung der Aufbrauchfristen
Nach geltendem Recht dürfen Produkte ohne Folgezulassung noch maximal 18 Monate lang angewendet werden. Das neue Gesetzespaket verlängert diese Übergangsfrist auf bis zu drei Jahre. Dies gilt auch bei nachgewiesenen Umwelt- oder Gesundheitsrisiken, sofern diese nicht als unmittelbar schwerwiegend eingestuft werden.
„Entgegen dem Ziel des Omnibus-Vorschlags, Innovation zu fördern, birgt der Vorschlag vielmehr das Risiko, Innovationsanreize zu schwächen“, sagt Osterman. „Wenn ältere Produkte länger auf dem Markt verbleiben und keiner regelmäßigen Überprüfung mehr unterliegen, verringert sich der Druck, sicherere und innovativere Alternativen zu entwickeln.“
Handlungsempfehlungen für das Zulassungswesen
Die Autoren prognostizieren, dass ein jährliches Budget von 15 Millionen Euro den aktuellen Prüfungsstau innerhalb von drei Jahren auflöst. Für eine effiziente und objektive Risikobewertung sollte die EU die Prüfaufträge unabhängig nach wissenschaftlicher Expertise verteilen. Bisher wählen Antragsteller den bewertenden Mitgliedsstaat selbst aus.
Zudem fordern die Forschenden eine Harmonisierung der Bewertungskriterien. Zulassungsstudien müssen vollständig öffentlich zugänglich sein. Zur Post-Market-Überwachung sollten landwirtschaftliche Anwendungsdaten mit bestehenden Monitoringprogrammen, beispielsweise zum Bestäuberschutz, digital verknüpft werden. Die kontinuierliche analytische Bestimmung von Pestizidrückständen in Umweltproben ermöglicht zudem die Identifikation von Hochrisikosubstanzen für gezielte Nachprüfungen.
Quelle
Albert-Ludwigs-Universität Freiburg im Breisgau (06/2026)
Publikation
Dimitry Wintermantel et al., EU Omnibus proposal increases pesticide risks. Science, DOI: 10.1126/science.aeg8744
https://doi.org/10.1126/science.aeg8744