Fächer Chemie und Physik bei Schülerinnen und Schülern am wenigsten beliebt

8. September 2026

Eine interdisziplinäre Forschungsgruppe der Universität Osnabrück – bestehend aus Dr. Lars Otte und Prof. Dr. Marco Beeken (Didaktik der Chemie) sowie Prof. Dr. Christian Reintjes, Prof. Dr. Ferdinand Stebner und Dr. Till Kaiser (Erziehungswissenschaften) – untersuchte die Fachpräferenzen in der Sekundarstufe. Die empirische Erhebung umfasst eine Stichprobe von N=5.623 Schülerinnen und Schülern der Jahrgangsstufen 5 bis 13 an 19 weiterführenden Schulen in Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen, Berlin und Baden-Württemberg. Neben der Notenbewertung (Skala 1–6) von 17 Schulfächern flossen soziodemografische und bildungsspezifische Prädiktoren wie Jahrgangsstufe, Geschlecht, Schultyp, Bundesland, elterlicher Bildungsabschluss und Migrationsstatus in die multivariate Analyse ein.

Disziplinäre Evaluation und das MINT-Perzeption-Paradoxon

Das gewichtete Gesamtranking (unter Berücksichtigung der Oberstufenkurswahl) attestiert Sport (M=1,93), Kunst (M=2,19) und Englisch (M=2,45) die höchste Akzeptanz. Das Ende der Skala markieren die physikalisch-chemischen Disziplinen Chemie (M=3,01) und Physik (M=3,06). Die MINT-Fächergruppe schneidet in der kumulierten Bewertung signifikant schlechter ab als Sprach-, Gesellschaftswissenschaften oder musisch-sportliche Fächer.

„Für uns als Chemiedidaktiker ist das zunächst ein ernüchternder Befund: Chemie und Physik gehören tatsächlich weiterhin zu den am wenigsten beliebten Fächern. Gleichzeitig zeigt die Studie aber, dass es kein generelles Desinteresse an Naturwissenschaften gibt – Biologie wird beispielsweise deutlich positiver bewertet“, sagt Dr. Lars Otte. „Entscheidend ist also offenbar, wie zugänglich die spezifischen Anforderungen eines Faches für die Schülerinnen und Schüler werden.“

Longitudinaler Beliebtheitsabfall und fachspezifische Kumulativität

In der Sekundarstufe I ist ein allgemeiner Negativtrend der Fachbewertung zu beobachten. Dieser Attraktivitätsverlust tritt im MINT-Bereich besonders prägnant hervor: Der Mittelwert verschlechtert sich von Jahrgang 5 bis 10 von 2,66 auf 3,00. Im Detail sinken die Evaluierungen für Physik von 2,72 auf 3,37 und für Chemie von 2,67 auf 3,20. „Man könnte auch sagen: Sobald es in Chemie und Physik abstrakter wird, sobald gerechnet werden muss, sinken die Werte“, sagt Dr. Lars Otte. Zudem bauen diese Fächer – ähnlich wie die zweite Fremdsprache – stark aufeinander auf. Schülerinnen und Schüler, die es mal ein paar Monate mit dem Lernen nicht so genau genommen haben, laufen Gefahr, den Anschluss zu verlieren. Bei Biologie gibt es hingegen so unterschiedliche Themengebiete, dass ein „Neueinstieg“ leichter möglich ist.

„Eigentlich besitzt Chemie alles, was ein faszinierendes Schulfach ausmachen kann: Experimente, Alltagsbezüge und Antworten auf zentrale Fragen etwa zu Energie, Umwelt oder modernen Materialien. Die Herausforderung besteht darin, diese Faszination auch dann zu erhalten, wenn Modellvorstellungen, Symbolsprache und mathematische Anforderungen hinzukommen“, erklärt Prof. Dr. Marco Beeken. „Unsere Ergebnisse sind deshalb weniger ein Urteil über ein Fach als ein klarer Auftrag an die Fachdidaktik.“

Selektions- und Selbstwirksamkeitseffekte in der Sekundarstufe II

In der Oberstufe zeigt sich eine deutliche Kohortenselektion: Die Weiterbelegung eines Faches korreliert mit einer signifikant positiveren Fachevaluierung im Vergleich zu Abwählenden.
„Das zeigt, wie eng Fachbeliebtheit, Kompetenzerleben und Bildungsentscheidungen miteinander verknüpft sind“, sagt Prof. Dr. Ferdinand Stebner. „Wenn Schülerinnen und Schüler sich in einem Fach als kompetent erleben und dessen Inhalte für sich als bedeutsam wahrnehmen, erhöht das nicht nur die Motivation – es kann auch beeinflussen, ob sie sich langfristig weiter mit diesem Fach beschäftigen.“

Soziodemografische Erklärungsfaktoren und Polarisationsmuster

Die Regressionen zeigen geschlechtsspezifische Präferenzen: Männliche Schüler evaluieren Informatik, Physik, Mathematik und Sport positiver, während weibliche Schülerinnen Kunst, Deutsch, Pädagogik und die zweite Fremdsprache bevorzugen. Zudem erweist sich die Bildungsherkunft als signifikanter Einflussfaktor: Im multivariaten Modell stellt der elterliche Bildungsabschluss nach Fach und Jahrgangsstufe den drittstärksten Prädiktor dar. Der Migrationsstatus zeigt hingegen nach Kontrolle der übrigen Kovariaten keinen statistisch eigenständigen Haupteffekt.

„Das ist für die Bildungsforschung ein wichtiger Befund: Fachbeliebtheit lässt sich nicht auf einfache Kategorien wie Geschlecht, Bundesland oder Migrationsstatus reduzieren“, betont Prof. Dr. Christian Reintjes. „Gleichzeitig zeigt der Zusammenhang mit der Bildungsherkunft, dass auch familiäre Bildungsressourcen und unterschiedliche Voraussetzungen dafür eine Rolle spielen können, wie zugänglich und bedeutsam schulische Fächer erlebt werden.“

Bei der Abfrage der Extremwerte zeigt sich eine starke Polarisation: Während Sport mit 24,7 % die Liste der Lieblingsfächer anführt, spaltet Mathematik die Schülerschaft. 9,3 % nennen Mathematik als präferiertes Fach, während 20,0 % es als das am wenigsten geschätzte Fach einstufen. Auch Deutsch und Englisch weisen eine hohe Bimodalität auf.
Die Autorengruppe betont, dass die Ergebnisse nicht als isolierte Qualitätsevaluation der Fächer zu interpretieren sind, sondern als komplexes Zusammenspiel fachlicher Abstraktheit, individueller Selbstwirksamkeitserwartung und unterrichtlicher Vermittlung. Obwohl nicht bundesweit repräsentativ, bietet die Multi-Center-Studie eine empirisch fundierte Diagnostik der Fachpräferenzen.

Quelle

Universität Osnabrück (09/2026)

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