Erholung der Ozonschicht durch Industriechemikalien verzögert

23. April 2026

Laut einer internationalen Studie unter Leitung der Empa könnte sich die Erholung der stratosphärischen Ozonschicht um etwa sieben Jahre verzögern, da die Emissionen von Feedstock-Chemikalien deutlich höher ausfallen als bisher angenommen. Diese ozonabbauenden Stoffe, wie Tetrachlorkohlenstoff (CCl₄) oder bestimmte FCKWs, werden nicht mehr in Produkten wie Kühlschränken verwendet. Jedoch werden sie in der Industrie weiterhin als erlaubte Ausgangsstoffe für die Herstellung moderner Kältemittel und Kunststoffe genutzt. Da ihre Nutzung und die dabei entstehenden Leckraten bislang unterschätzt wurden, blieben sie weitgehend von internationalen Abkommen unberücksichtigt.

Anhand globaler Messungen wiesen die Forschenden nach, dass bei der Verarbeitung dieser Substanzen rund drei bis vier Prozent durch Leckagen in die Atmosphäre entweichen und ihr Einsatz in den letzten Jahrzehnten massiv zugenommen hat. Ohne eine Reduktion dieser Emissionen verschiebt sich der Zeitpunkt der vollständigen Ozon-Regeneration nach Berechnungen der Studie erheblich. „Diese Stoffe sind nicht nur ozonabbauend, sondern auch stark klimaschädlich. Weniger Emissionen würden gleichzeitig der Ozonschicht und dem Klima helfen“, sagt Atmosphärenforscher Stefan Reimann.

Messungen zeigen höhere Emissionen

Das Montreal-Protokoll untersagte ab den 1980er-Jahren zwar ozonabbauende Stoffe in Alltagsprodukten, klammerte Feedstock-Chemikalien jedoch aus, da man von minimalen Leckraten um 0,5 Prozent und einer sinkenden Nutzung ausging. „Diese Einschätzung stimmt aber schon länger nicht mehr“, sagt Reimann. „Feedstock‑Chemikalien werden heute bei der Produktion, beim Transport sowie bei der Weiterverarbeitung in erhöhtem Mass freigesetzt und die derzeit produzierten Mengen sind deutlich grösser als man vor 30 Jahren annahm.“

Gestützt werden diese Erkenntnisse durch globale atmosphärische Messungen internationaler Netzwerke wie AGAGE, unter Beteiligung der Empa-Station auf dem Jungfraujoch. Da diese Stoffe über Jahrzehnte in der Atmosphäre verbleiben, lassen sich aus ihren Konzentrationen präzise Rückschlüsse auf die tatsächlichen Emissionen ziehen. „Wir messen die Konzentrationen dieser Stoffe in der Atmosphäre. Anhand ihrer Lebensdauer können wir berechnen, wie stark sie eigentlich abnehmen müssten. Tun sie das nicht, muss es weiterhin Emissionen geben“, erklärt Martin Vollmer. Ein Vergleich dieser Messwerte mit offiziellen staatlichen Meldungen offenbart, dass heute durchschnittlich drei bis vier Prozent der Feedstock-Mengen in die Atmosphäre gelangen. Beim besonders schädlichen Tetrachlorkohlenstoff liegt die Rate sogar noch höher.

Ozonschicht und Klima sind betroffen

Auf Grundlage aktueller Entwicklungen verglich ein internationales Forschungsteam verschiedene Zukunftsszenarien. Dabei wurden die ursprünglich angenommenen, minimalen Emissionsraten den heute gemessenen Werten aus der industriellen Feedstock-Nutzung gegenübergestellt. Während man bislang davon ausging, dass die stratosphärische Ozonschicht bis zum Jahr 2066 wieder ihren Referenzzustand von 1980 erreichen würde, verschiebt sich dieser Zeitpunkt laut den neuen Berechnungen bei gleichbleibenden Emissionen um etwa sieben Jahre auf das Jahr 2073.

Neben dem Ozonabbau wirken diese Chemikalien zudem als potente Treibhausgase, deren jährliche Belastung bis Mitte des Jahrhunderts rund 300 Millionen Tonnen CO₂-Äquivalente erreichen könnte. Das ist eine Größenordnung, die den Gesamtemissionen von Ländern wie England oder Frankreich entspricht. Laut Stefan Reimann ist es letztlich eine politische Entscheidung, ob künftig verbindliche Grenzwerte oder Stoffverbote diese Entwicklung bremsen. Obwohl das Montreal-Protokoll als Meilenstein gilt, müsse es stetig an neue wissenschaftliche Erkenntnisse angepasst werden. „Das Montreal-Protokoll war erfolgreich, weil Wissenschaft, Politik und Industrie eng zusammengearbeitet haben. Eine solche Zusammenarbeit ist auch heute wieder entscheidend, um neue Herausforderungen anzugehen“, sagt Reimann.

Quelle

Empa (04/2026)

Publikation

S Reimann, L M Western, M J Lickley, D Sherry, J S Daniel, L Kuijpers, S A Montzka, M Rigby, G J M Velders, M K Vollmer, L Emmenegger, Q Liang, S Park, S Solomon: Continuing Industrial Emissions Are Delaying the Recovery of the Stratospheric Ozone Layer; Nature Communications (2026); doi: 10.1038/s41467-026-70533-w

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