Ein Forschungsteam um Professor Dr. Niels Gehring vom Institut für Genetik entschlüsselte das gezielte Zusammenspiel dreier Proteine, das eine Schlüsselrolle im Nonsense mediated mRNA Decay (NMD) einnimmt. Dieser zelluläre Mechanismus zerstört fehlerhafte RNA, wobei die Proteine SMG1, SMG8 und SMG9 gemeinsam dessen zuverlässige Aktivierung sicherstellen. Während Mutationen in den Genen SMG8 und SMG9 bereits mit genetischen Erkrankungen assoziiert wurden, blieb die genaue Funktion der codierten Proteine in menschlichen Zellen lange rätselhaft. Gehring und sein Team konnten diese Wissenslücke nun schließen und die spezifischen Rollen innerhalb des Komplexes aufzeigen.
Die Rolle von SMG8 und SMG9 in der zellulären Qualitätskontrolle
Der Nonsense mediated mRNA Decay (NMD) fungiert als eines der wichtigsten Kontrollsysteme der Zelle, indem er fehlerhafte Boten-RNAs erkennt und abbaut, noch bevor schädliche Proteine entstehen können. Maßgeblich gesteuert wird dieser Prozess durch das Enzym SMG1. Dieses bildet in menschlichen Zellen gemeinsam mit den Proteinen SMG8 und SMG9 einen stabilen Komplex. Um deren Funktion im zellulären Kontext zu entschlüsseln, erzeugten Forschende spezielle Zelllinien, in denen beide Proteine gezielt ausgeschaltet wurden. „So konnten wir analysieren, welche Rolle SMG8 und SMG9 in lebenden Zellen tatsächlich spielen“, erklärt Gehring. „Im Reagenzglas lassen sich einzelne Effekte isoliert betrachten, aber erst in der Zelle zeigt sich, wie stabil oder empfindlich ein komplexes Kontrollsystem wirklich ist.“
Dabei zeigte sich überraschend, dass der NMD-Mechanismus auch ohne SMG8 oder SMG9 weiterhin aktiv blieb, wenn auch mit reduzierter Effizienz. Die Identifizierung und der Abbau fehlerhafter mRNAs blieben somit grundsätzlich bestehen. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass SMG8 und SMG9 keine unverzichtbaren Hauptakteure des NMD sind“, sagt Dr. Volker Böhm. „Sie tragen vielmehr dazu bei, dass der Mechanismus stabiler und zuverlässiger funktioniert.“
Sicherheits-Assistenten der Zelle: SMG8 und SMG9 als Garanten für Prozessstabilität
Die wahre Bedeutung des Proteinkomplexes offenbarte sich erst unter zusätzlicher Belastung des Systems. Wurde die Aktivität von SMG1 durch einen spezifischen Hemmstoff reduziert, reagierten Zellen ohne SMG8 oder SMG9 signifikant empfindlicher als der Wildtyp. Bereits geringfügige Störungen beeinträchtigten den NMD-Mechanismus hierbei massiv. „Solange der Komplex vollständig ist, bleibt der NMD-Prozess auch unter veränderten Bedingungen stabil. Fehlt eine Komponenten SMG8 oder SMG9, wird das System aber deutlich anfälliger“, sagt Dr. Sabrina Kueckelmann. Dies ist vergleichbar mit einem fahrenden Auto. Ein SMG1-Auto fährt auch ohne SMG8 und SMG9 gut. Bei erschwerten Bedingungen funktionieren SMG8 und SMG9 aber ähnlich wie ABS oder Traktionskontrolle als Assistenzsysteme, so dass die Fahrt auch bei Nässe oder Glatteis sicher und zuverlässig ist.
Neue Einblicke in die Stabilität zellulärer Kontrollsysteme
Die Studie liefert wegweisende Erkenntnisse über die Organisation des SMG1:SMG8:SMG9-Komplexes. Sie verdeutlicht, wie zusätzliche Proteine die Stabilität zentraler Kontrollmechanismen innerhalb der Zelle gewährleisten. Diese Forschungsarbeiten entstanden im Rahmen des Sonderforschungsbereichs SFB 1678 „Systemische Konsequenzen von Fidelitätsänderungen der mRNA- und Proteinbiosynthese“, welcher durch die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) gefördert wird.
Quelle
Publikation
SMG1:SMG8:SMG9-complex integrity supports efficient execution of nonsense-mediated mRNA decay
https://academic.oup.com/nar/article/54/5/gkag193/8521937