Unter der Leitung von Forschenden der Medizinischen Fakultät Heidelberg sowie der University of California, San Francisco, hat ein internationales Team ein neues Diagnoseverfahren für Tuberkulose (TB) untersucht. Die Methode ermöglicht den Nachweis von TB-Bakterien (Mycobacterium tuberculosis) unabhängig von Laboren innerhalb von weniger als 35 Minuten direkt vor Ort. Der Nachweis erfolgt über einen einfachen Zungenabstrich, wobei die Diagnostik mithilfe zweier mobiler Geräte durchgeführt wird. Während das erste Gerät die Bakterien aus der Probe für die Analyse löst, wertet das zweite das Erbgut aus und zeigt das Ergebnis über Kontrollleuchten als „positiv“ oder „negativ“ an.
Professorin Claudia Denkinger und Dr. Seda Yerlikaya überprüften gemeinsam mit internationalen Partnern die Zuverlässigkeit der Ergebnisse sowie die Anwendbarkeit durch ungeschultes Personal. Die Untersuchung belegt, dass das Verfahren diagnostisch genau arbeitet und sicher gehandhabt werden kann. Diese Erkenntnisse trugen maßgeblich dazu bei, dass die Weltgesundheitsorganisation bereits eine Empfehlung für den weltweiten Einsatz des Verfahrens ausgesprochen hat.
Studiendesign und zentrale Ergebnisse
Indien, Nigeria, Südafrika, Uganda, Vietnam, Sambia und auf den Philippinen untersucht. Die Teilnehmenden gaben hierfür sowohl Sputum als auch Zungenabstriche ab. Bei der Auswertung der Sensitivität und Spezifität zeigte sich, dass der Nachweis per Zungenabstrich vier von fünf Erkrankten korrekt identifizierte (80 Prozent) und nur bei 0,5 Prozent der Fälle falsch positiv ausfiel (99,5 Prozent). Diese Werte sind vergleichbar mit dem laborbasierten Goldstandard und bisherigen Sputum-basierten Diagnostika.
„Wir haben gezeigt, dass das Verfahren die Ansprüche der Weltgesundheitsorganisation an Tuberkulose-Diagnostika erfüllt“, fasst Dr. Yerlikaya zusammen. „Die Ergebnisse sind so überzeugend, dass die WHO den Einsatz bei Jugendlichen und Erwachsenen mit TB-typischen Symptomen bereits jetzt empfohlen hat.“
Neben der diagnostischen Genauigkeit bestätigte das Forschungsteam die hohe Benutzerfreundlichkeit. Der Zungenabstrich vereinfacht die Probennahme erheblich und vergrößert den Kreis der Testpersonen, da insbesondere Kinder, schwer kranke oder HIV-positive Menschen oft kein Sputum abgeben können. Zudem betont die Infektiologin weitere praktische Vorzüge: „Die Geräte haben eine kompakte Größe, können auch von Laiinnen und Laien ohne großen Schulungsaufwand bedient werden, liefern schnell ein eindeutiges Ergebnis und laufen batteriebetrieben.“ Dies ermöglicht den Einsatz in Regionen ohne stabile Stromversorgung, wobei die Kosten zudem deutlich unter denen herkömmlicher Labortests liegen.
Entwicklung des Verfahrens, WHO-Empfehlung und Ausblick
Nachdem die Weltgesundheitsorganisation das Verfahren als ersten „Near-Point-of-Care-Test“ für Tuberkulose empfohlen hat, wird derzeit die Pilotanwendung in verschiedenen Ländern mit hoher TB-Belastung vorbereitet. Finanziert wird dieser Einsatz von Organisationen wie dem Global Fund to Fight AIDS, Tuberculosis and Malaria sowie der Children’s Investment Fund Foundation. „Damit das Diagnoseverfahren international eingesetzt werden kann, müssen nicht nur die Geräte und Materialien angeschafft werden. Die beteiligten Organisationen definieren auch Einsatzorte und Zielgruppen, informieren Interessensgruppen, schulen Personal und identifizieren ländertypische Besonderheiten“, schildert Professorin Denkinger die nun anstehenden Schritte. Für den Erfolg des neuen Instruments ist es dabei von zentraler Bedeutung, dass sowohl das medizinische Personal als auch die Patientinnen und Patienten Vertrauen in die veränderten Testabläufe gewinnen.
Hintergrund: Die Infektionskrankheit Tuberkulose und ihre Diagnostik
Weltweit sterben jährlich mehr als eine Million Menschen an Tuberkulose, wobei allein im Jahr 2024 über zehn Millionen Neuerkrankungen verzeichnet wurden. Die bakterielle Infektionskrankheit, die primär die Lunge befällt und Symptome wie anhaltenden Husten, Fieber sowie Gewichtsabnahme auslöst, ist mit Antibiotika behandelbar. Die Diagnostik stellt immer noch eine große Hürde dar. Bisherige Testverfahren sind oft teuer, aufwendig und in ressourcenschwachen Regionen aufgrund fehlender Labore, Fachkräfte oder stabiler Stromversorgung nur schwer zugänglich. Da die Diagnose meist nicht direkt am Point-of-Care erfolgt, verzögert sich der Behandlungsbeginn oft entscheidend oder Patientinnen und Patienten gehen dem Gesundheitssystem gänzlich verloren. „Vor diesem Hintergrund setzt der TB-Nachweis per Zungenabstrich neue Maßstäbe in der TB-Diagnostik“, so Professorin Denkinger.
Quelle
Universitätsklinikum Heidelberg (04/2026)
Publikation
Yerlikaya S, Masuzyo C, Adije B et al. (2026) Pulmonary Tuberculosis Detection with MiniDock MTB Using Swab Samples. New England Journal of Medicine 394(17), 1710–1722, https://doi.org/10.1056/NEJMoa2509761