Die industrielle Ammoniaksynthese erfordert unter klassischen Haber-Bosch-Bedingungen hohe Temperaturen und Drücke und weist somit eine ungünstige Energiebilanz auf. Als energieschonende Alternative rückt die photokatalytische Reduktion von Stickstoff mittels molekularem Sonnenlicht in den Fokus der Materialanalytik. Vielversprechende Materialklassen sind hierbei metallorganische Gerüstverbindungen (MOFs).
„Vielversprechende Kandidaten dafür sind metallorganische Gerüstverbindungen“, sagt Jana Bischoff. „Das sind Kristalle, die kleine Hohlräume enthalten. Ihr Gerüst besteht aus Knotenpunkten mit Metallatomen, die durch organische Moleküle miteinander verbunden sind.“
Forschungsteams der Universität Wien und der TU Wien im FWF-Exzellenzcluster MECS untersuchten die photokatalytische Aktivität des Gerüsttyps MOF MIL-101. An den trimetallischen Knotenpunkten der Struktur sind jeweils drei Metallatome in trigonaler Anordnung um ein zentrales Sauerstoffatom koordiniert. Trotz identischer Isostruktur zeigt das Material eine extreme chemische Selektivität: Während eisenbasierte Knotenpunkte Fe3O unter Einstrahlung Ammoniak bilden, verläuft die Reaktion an analogen Chrom-Knotenpunkten Cr3O vollständig inaktiv.
Magnetische Frustration und Spin-Kopplung der Knotenpunkte
Während die unterschiedliche Reaktivität ursprünglich auf Unterschiede in der Valenzelektronenkonfiguration zurückgeführt wurde, zeigten detaillierte Analysen der Elektronen- und Spinzustände eine magnetische Ursache. Der elektronische Spin der benachbarten Metallzentren bestimmt maßgeblich die katalytische Eignung. In der geometrischen Anordnung des Fe-Dreiecks führt das Bestreben nach antiparalleler Spin-Ausrichtung zu geometrischer Spin-Frustration.
„Nun haben wir es bei unserem Katalysator aber mit einem Dreieck aus drei Eisenatomen zu tun“, sagt Patrick Lechner. „Das heißt: Die ersten beiden Eisenatome können entgegengesetzte magnetische Richtungen annehmen, aber das dritte kann diese Anforderung nicht mehr erfüllen.“
„Es ist, als würden drei Leute an einem Tisch einander alle genau gegenübersitzen wollen“, erklärt Patrick Lechner. „Die ersten beiden können einander direkt in die Augen sehen. Aber für alle drei gleichzeitig ist das unmöglich.“ Im Gegensatz dazu zeigt das Cr3O-System ein abweichendes Kopplungsschema: Zwei Chromatome bilden über starke magnetische Wechselwirkung ein bevorzugtes Dimer-Paar, während das dritte Zentrum nur schwach an diesen Komplex koppelt.
Einfluss der Spin-Konfiguration auf die Adsorptionsenthalpie von Stickstoff
Die spezifische Spin-Kopplung korreliert direkt mit den thermodynamischen Adsorptionsenergien des molekularen Stickstoffs an den Koordinationsstellen. Im eisenbasierten System mit magnetischer Frustration stellt sich eine moderate Bindungsaffinität zum Stickstoff ein. Diese ist hoch genug, um den Reaktanten für die Umwandlung zu koordinieren, aber hinreichend gering, um eine schnelle Produkt-Desorption des gebildeten Ammoniaks zu gewährleisten und den Katalysezyklus aufrechtzuerhalten.
Beim Chrom-Analog führt die starke koordinative Bindung hingegen zu einer irreversiblen Blockade der aktiven Zentren. Die hohe Desorptionsbarriere verhindert den Substrataustausch, was die katalytische Inaktivität erklärt. „Dieser magnetische Fingerabdruck ist ein wichtiger Schlüssel, wenn man verstehen möchte, wie diese Materialien als Katalysatoren funktionieren“, betont Leticia González.
„Wir können jetzt gewissermaßen beobachten, wie die Metallatome an einem Knotenpunkt dieser Kristalle magnetisch miteinander sprechen, und welche Auswirkungen das auf das Verhalten des Materials als Katalysator hat“, sagt Dominik Eder. „Das ist ein wichtiger Schritt Richtung energiesparende Ammoniakproduktion.“
Quelle
Publikation
P. Lechner, J. Bischoff, P. Pokhilko, F.-L. Sun, A. Ertl, H. Michor, C. von Baeckmann, J. C. B. Dietschreit,
D. Eder, L. González. Metal-Dependent Magnetic Exchange Topology as a Fingerprint of N2 Binding in
Isostructural MOF Nodes. In ACS Energy Lett. (2026)
DOI: 10.1021/acsenergylett.6c02509
https://pubs.acs.org/aelccp/article/doi/10.1021/acsenergylett.6c02509/5449101/Metal-Dependent-Magnetic-Exchange-Topology-as-a