Die jahrtausendelange Koevolution von Mensch und Herpesvirus

7. Januar 2026

In einer wegweisenden Untersuchung ist es einem Team unter der Leitung der Universität Wien und der Universität Tartu erstmals gelungen, die Genome der Humanen Beta-Herpesviren 6A und 6B (HHV-6A/B) aus über 2.000 Jahre alten archäologischen Skelettresten zu rekonstruieren.

Diese Entdeckung belegt, dass sich die Viren bereits seit mindestens der Eisenzeit in enger Koevolution mit dem Menschen befinden. Die Studie zeichnet die weitreichende Geschichte der viralen Integration in menschliche Chromosomen nach und legt nahe, dass HHV-6A diese spezifische Fähigkeit schon früh im Laufe der Evolution eingebüßt hat.

Das Virus: Vom Kindheitsfieber zur genetischen Integration

Das Virus HHV-6B ist weit verbreitet und infiziert etwa 90 Prozent aller Kinder bis zum zweiten Lebensjahr. Es ist vor allem als Auslöser des Dreitagefiebers (Roseola infantum) bekannt, was wiederum die häufigste Ursache für Fieberkrämpfe im Kleinkindalter darstellt. Wie sein naher Verwandter HHV-6A verbleibt das Virus nach einer meist mild verlaufenden Erstinfektion lebenslang in einem Ruhezustand im Körper.

Die Besonderheit dieser Viren liegt in ihrer außergewöhnlichen Fähigkeit, ihr eigenes Erbgut dauerhaft in die menschlichen Chromosomen zu integrieren. Diese Eigenschaft ermöglicht es dem Virus nicht nur, inaktiv zu bleiben, sondern in seltenen Fällen sogar als fester Bestandteil des Genoms an die nächste Generation weitervererbt zu werden.

Heute tragen etwa ein Prozent der Menschen solche vererbten Viruskopien in sich. Während die Wissenschaft bereits vermutet hatte, dass dieser Integrationsprozess historisch weit zurückreicht, liefert die aktuelle Studie nun den ersten direkten genomischen Beweis für diese langjährige genetische Verbindung zwischen Virus und Mensch.

Spurensuche in Europa: Von der Eisenzeit bis ins Mittelalter

Für die Untersuchung analysierte das Forschungsteam fast 4.000 menschliche Skelettproben aus verschiedenen archäologischen Stätten in ganz Europa. Dabei gelang es, elf alte Virusgenome zu identifizieren und zu rekonstruieren. Das älteste dieser Genome wurde bei einem jungen Mädchen aus der italienischen Eisenzeit (1100–600 v. u. Z.) nachgewiesen. Die weiteren Funde belegen eine weite geografische und zeitliche Verbreitung: Während beide HHV-Typen im mittelalterlichen England, Belgien und Estland präsent waren, ließ sich HHV-6B zusätzlich in Proben aus Italien und dem frühen historischen Russland nachweisen.

Besonders bedeutsam sind die Funde aus England, da mehrere Individuen vererbte Formen von HHV-6B in sich trugen, was sie zu den frühesten bekannten Träger*innen chromosomal integrierter humaner Herpesviren macht. Die leitende Forscherin Meriam Guellil vom Department für Evolutionäre Anthropologie an der Universität Wien erläutert die methodischen Herausforderungen: „Während HHV-6 fast 90 % der menschlichen Bevölkerung irgendwann in ihrem Leben infiziert, tragen nur etwa 1 % das von ihren Eltern vererbte Virus in allen Zellen ihres Körpers. Diese 1 % der Fälle sind diejenigen, die wir mit Hilfe von alter DNA am ehesten identifizieren können, was die Suche nach viralen Sequenzen ziemlich schwierig macht. Auf der Grundlage unserer Daten lässt sich die Evolution der Viren nun über mehr als 2.500 Jahre in Europa zurückverfolgen, wobei Genome aus dem 8. bis 6. Jahrhundert v. u. Z. bis heute verwendet wurden.“

Evolutionäre Unterschiede und medizinische Relevanz

Mithilfe der rekonstruierten Genome gelang es den Forscher*innen zudem, das spezifische Chromosom zu identifizieren, in welches sich die Viren integriert hatten. Vergleiche mit modernen Daten ergaben, dass einige dieser Integrationen über Jahrtausende hinweg von Generation zu Generation weitergegeben wurden. Interessanterweise scheint HHV-6A im Laufe der Zeit die Fähigkeit zur Integration in die menschliche DNA verloren zu haben, was verdeutlicht, dass die beiden Virusarten unterschiedliche evolutionäre Wege eingeschlagen haben.

Die gesundheitliche Relevanz dieser Entdeckung wird durch die Ausführungen von Charlotte Houldcroft unterstrichen: „Ist eine Kopie von HHV-6B im Genom vorhanden, kann das in Zusammenhang mit Angina pectoris und Herzerkrankungen stehen. Wir wissen, dass diese vererbbaren Formen von HHV-6A und B heute in Großbritannien häufiger vorkommen als im übrigen Europa, und dies ist der erste Nachweis für alte Träger*innen aus Großbritannien.“

Ein Paradigmenwechsel in der Infektionsforschung

Obwohl HHV-6A und HHV-6B erst in den 1980er Jahren entdeckt wurden, lässt sich ihre Spur nun lückenlos bis in die Eisenzeit zurückverfolgen. Die Ergebnisse verdeutlichen eindrucksvoll, wie die Analyse alter DNA die langfristige Entwicklung von Infektionskrankheiten entschlüsseln kann. Guellil ordnet die Tragweite abschließend ein: „Moderne genetische Daten deuten darauf hin, dass sich HHV-6 seit unserer Migration aus Afrika zusammen mit den Menschen entwickelt haben könnte. Diese alten Genome liefern nun den ersten konkreten Beweis für ihre Präsenz in der fernen Vergangenheit der Menschheit.“

Quelle

Universität Wien (01/2026)

Publikation

Meriam Guellil et al. (2025). Tracing 2500 Years of Human Betaherpesvirus 6A and 6B Diversity Through Ancient DNA. In Science Advances (2025)
https://www.science.org/doi/pdf/10.1126/sciadv.adx5460?download=true

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