Ob sich aus dem Alter einer erwachsenen Person direkt auf deren körperliche Verfassung schließen lässt, lässt sich lediglich mit einem „Jein“ beantworten. Zwar sinkt die körperliche Funktionsfähigkeit bekanntermaßen mit der Zeit, während die Krankheitsrisiken steigen, doch altern zwei gleichaltrige Menschen oft in unterschiedlichem Tempo. Das chronologische Alter weicht somit häufig vom biologischen Alter ab, welches die tatsächliche körperliche Verfassung unter dem Einfluss von Genetik, Lebensstil und Umweltfaktoren abbildet.
Um dieses biologische Alter präzise messbar zu machen, untersuchte das internationale MARK-AGE-Konsortium in einer europaweiten Querschnittsstudie spezifische Blutwerte. Die Forschenden identifizierten dabei zehn Biomarker, aus denen sich der „Bioage-Score“ berechnen lässt. Unter der Leitung von Maria Moreno-Villanueva und Alexander Bürkle von der Universität Konstanz wurde dieser Score nun in einer aktuellen Publikation validiert, um weitere klinisch relevante Marker zu finden, die eng mit dem biologischen Alter verknüpft sind.
Ein einzelner Messwert reicht nicht aus
In der Vergangenheit schlug die Alterungsforschung bereits verschiedene Biomarker zur Bestimmung des biologischen Alters vor, die jedoch einzeln betrachtet nicht aussagekräftig genug sind. „Der biologische Alterungsprozess ist sehr komplex. Er betrifft alle Gewebe und Organe des Körpers und lässt sich nicht auf eine einzige Ursache zurückführen. Die Auswertung einzelner Biomarker reicht daher für eine verlässliche Bestimmung des biologischen Alters eines Menschen nicht aus“, erklärt Moreno-Villanueva. „Außerdem gibt es Unterschiede bei der Alterung von Männern und Frauen.“
Das MARK-AGE-Konsortium entwickelte deshalb geschlechtsspezifische Kombinationen von Biomarkern zur Ermittlung des individuellen biologischen Alters. Hierfür analysierten die Forschenden Daten von rund 3.300 ProbandInnen aus acht europäischen Ländern, die auf 362 verschiedene Biomarker getestet worden waren. Diese umfassende Auswertung führte zur Auswahl von jeweils zehn Biomarkern pro Geschlecht, aus denen sich der Bioage-Score berechnen lässt – ein Wert, der das tatsächliche biologische Alter einer Person präzise abbildet.
Altern als individueller Prozess
„Betrachten wir die Bioage-Scores einer Vielzahl von Menschen aus demselben Geburtsjahrgang, so haben diese Werte eine große Spannbreite. Daran zeigt sich sehr gut, dass jeder Mensch seinen individuellen biologischen Alterungsprozess durchlebt und dass zum Beispiel einige Personen biologisch gesehen deutlich jünger sind, als ihr chronologisches Alter vermuten lässt“, so Moreno-Villanueva. Die Forschenden bestätigten die Gültigkeit ihres Ansatzes, indem sie berechneten, inwieweit bestimmte Untergruppen biologisch vom chronologischen Alter abweichen.
Die Ergebnisse zeigten bei Menschen mit Trisomie 21 eine deutlich erhöhte Differenz, was den dort beschleunigten Alterungsprozess widerspiegelt. Im Gegensatz dazu erwiesen sich Frauen über 50 nach der Menopause unter Hormonersatztherapie als biologisch jünger als Frauen ohne solche Präparate. Bei Raucherinnen hingegen stieg die Differenz proportional zum kumulativen Zigarettenkonsum an, was die Alterung in dieser Gruppe messbar beschleunigte. „All diese Ergebnisse sind vor dem Hintergrund aktueller Forschung zu den Alterungs-Effekten von Rauchen, Hormonersatztherapie oder Trisomie 21 plausibel und bestätigen die Aussagekraft unseres Bioage-Scores“, ordnet Bürkle ein.
Ein Schritt in Richtung neuartiger Präventivmedizin
Zusätzlich diente der Bioage-Score dazu, klinisch relevante Marker im Datensatz zu identifizieren, die spezifisch mit dem biologischen statt dem chronologischen Alter korrelieren. Dies betrifft gängige Laborwerte zum Knochenstatus, Fettstoffwechsel und Immunsystem, wie 25-Hydroxy-Vitamin-D, HDL-Cholesterin und den Anteil der T-Helferzellen. Da diese Werte bei einem niedrigen biologischen Alter verstärkt im gesundheitsförderlichen Bereich lagen, wird eine direkte Rolle dieser Marker im Alterungsprozess vermutet.
Die Ergebnisse liefern somit wegweisende Erkenntnisse für die Forschung und die medizinische Praxis. „Verlässliche Biomarker für das biologische Altern sind wichtige Werkzeuge, um Alterungsprozesse auch bei gesunden Menschen nachzuvollziehen oder um Personen zu identifizieren, die ein hohes Risiko tragen, später eine altersbedingte Krankheit oder körperliche Einschränkung zu entwickeln. Sie können dadurch auch den Weg für neue Ansätze in der individualisierten Präventivmedizin ebnen“, schließt Bürkle.
Quelle
Universität Konstanz (03/2026)
Publikation
M. Moreno-Villanueva, M. Junk, […], A. Bürkle (2026) Biologically Younger Individuals, as Identified by MARK-AGE Biological Age Scores, Display a Distinct Favourable Blood Chemistry Profile Regardless of Age. Aging Cell; doi: 10.1111/acel.70437
https://doi.org/10.1111/acel.70437