Das alternde Immunsystem verliert die Kontrolle über das Mikrobiom

5. Juni 2026

Die Frage, warum das aus Billionen von Mikroorganismen bestehende Darmmikrobiom im Alter seine langjährige Stabilität verliert, die Vielfalt abnimmt und das Risiko für Entzündungen steigt, gehört zu den zentralen offenen Fragen der Alternsforschung. Forschende des Leibniz-Instituts für Alternsforschung – Fritz-Lipmann-Institut (FLI) und des Exzellenzclusters „Balance of the Microverse“ an der Universität Jena schlagen nun in einem Artikel der Reihe „Unsolved Mystery“ einen neuen theoretischen Erklärungsansatz vor, der neue Perspektiven für das Verständnis gesunden Alterns eröffnet. Demnach ist die alternsbedingte Destabilisierung der mikrobiellen Gemeinschaft, die wichtige Körperfunktionen wie Verdauung, Stoffwechsel und Immunarbeit unterstützt, nicht in erster Linie auf passive Veränderungen der Mikroorganismen selbst zurückzuführen, sondern auf das Versagen des aktiven Kontrollmechanismus des Wirts.
Wenn das alternde Immunsystem diese Überwachungs- und Regulationsfunktion verliert, können einzelne Mikroorganismen die Oberhand gewinnen und das Gleichgewicht stören, wobei die Autoren betonen, dass ihr auf bestehenden Erkenntnissen basierendes Modell mit konkreten, überprüfbaren Vorhersagen noch keine endgültige Erklärung darstellt.

Die Immunüberwachung als Schlüssel zur Stabilität des Mikrobioms

Die Studie vereint Erkenntnisse aus der Immunologie sowie der Ökosystemökologie und legt nahe, dass die Immunüberwachung als organisierendes Prinzip für die Stabilität des Mikrobioms während des gesamten Lebens fungiert. Während dieses Konzept aus der Krebsbiologie bekannt ist und dort die Fähigkeit des Immunsystems beschreibt, entartete Zellen frühzeitig zu erkennen und zu beseitigen, wenden die Autoren das Prinzip nun auf die Interaktion zwischen Wirt und Mikrobiom an. Ihrer Hypothese zufolge richtet sich die Überwachung im Darm nicht gegen bestimmte mikrobielle Arten, sondern gegen eine übermäßige Dominanz, indem Mikroorganismen, die besonders schnell wachsen oder die Gemeinschaft zu beherrschen beginnen, durch Immunmechanismen gezielt begrenzt werden, was die mikrobielle Vielfalt erhält und das Ökosystem stabilisiert.

Mit zunehmendem Alter des Immunsystems nimmt dessen Fähigkeit, dieses Prinzip durchzusetzen, ab, wodurch das Mikrobiom als vorhersehbare Folge destabilisiert wird. „Wir gehen davon aus, dass das Immunsystem nicht primär zwischen ‚guten‘ und ‚schlechten‘ Mikroben unterscheidet, sondern vielmehr kontinuierlich überwacht, welche Organismen die Gemeinschaft zu dominieren beginnen“, erläutert Prof. Dr. Dario Riccardo Valenzano. „Dadurch entsteht ein dynamisches Gleichgewicht, das die langfristige Stabilität des Mikrobioms gewährleistet.“ Zur Veranschaulichung entwickelten die Forschenden ein einfaches Computermodell, in dem mikrobielle Arten um begrenzten Platz konkurrieren, wobei die Gemeinschaft über lange Zeiträume hinweg vielfältig und stabil bleibt, sobald eine Regel unverhältnismäßig schnell wachsende Konkurrenten gezielt einschränkt – während ohne diese Kontrolle einzelne Arten dominieren und die Vielfalt zusammenbricht.

„Das Altern betrifft nicht nur den Wirt selbst, sondern verändert auch die Art und Weise, wie das Immunsystem mit den ansässigen Mikroben interagiert. Unsere Arbeit legt nahe, dass der allmähliche Verlust der immunologischen Kontrolle ein wesentlicher Treiber für die Instabilität des Mikrobioms im Alter sein könnte“, fügt Dr. Siqi Liu hinzu.

Eine neue Erklärung für Dysbiose im Alter

Das Modell liefert eine konkrete Hypothese zum biologischen Altern, nach der sich das Immunsystem mit den Jahren tiefgreifend, aber nicht in Form eines gleichmäßigen Funktionsverlustes verändert. Während bestimmte Entzündungsreaktionen erhalten bleiben oder sogar zunehmen, lassen andere, fein gesteuerte Funktionen nach, wobei die Forschenden vermuten, dass insbesondere jene Mechanismen geschwächt sind, die für die Erkennung und Bekämpfung schnell wachsender und dominanter Mikroorganismen zuständig sind.

Dadurch entsteht ein Ungleichgewicht: Der Teil des Immunsystems, der auf die Gesamtheit der Mikroorganismen reagiert, bleibt aktiv oder wird sogar überaktiv, was zu der für das Alter typischen chronischen, schwachgradigen Entzündung – dem sogenannten „Inflammaging“ – beiträgt, während zeitgleich die Fähigkeit schwindet, einzelne dominante Mikroben gezielt in Schach zu halten. Die Folge ist eine anhaltende Entzündung in Verbindung mit einer nachlassenden Kontrolle über das mikrobielle Ökosystem im Darm.

„In unserem Modell hält das Immunsystem das Mikrobiom im Gleichgewicht, indem es besonders dominante Mikroorganismen kontinuierlich einschränkt“, erklärt Prof. Valenzano. „Mit dem Alter verliert diese Kontrollfunktion an Präzision. Dadurch können sich hartnäckigere Bakterien weiter ausbreiten und die Vielfalt der Gemeinschaft verringern. Eine alternsbedingte Dysbiose würde dann nicht bedeuten, dass sich die Mikroben gegen ihren Wirt wenden – vielmehr verliert der Wirt zunehmend die Kontrolle über sein mikrobielles Ökosystem. Das ist eine Hypothese, die nun durch die Forschung überprüft werden muss.“

Implikationen für therapeutische Maßnahmen

Die neue Hypothese könnte auch weitreichende Auswirkungen auf mikrobiombasierte Therapien für ältere Erwachsene haben, da es nach Ansicht der Forschenden möglicherweise nicht ausreicht, lediglich die Zusammensetzung der Darmflora zu verändern. Vielmehr könnte es entscheidend sein, gleichzeitig jene Funktionen des Immunsystems zu stärken, die das Gleichgewicht des Mikrobioms aufrechterhalten, denn bei einer bereits stark beeinträchtigten Immunüberwachung führt die alleinige Wiederherstellung der mikrobiellen Vielfalt womöglich nicht zu einer dauerhaft stabilen Darmflora. Beobachtungen bei immungeschwächten Patientinnen und Patienten deuten ebenfalls darauf hin, dass diese enge Wechselwirkung bei künftigen Behandlungsansätzen zwingend berücksichtigt werden sollte.

„Die Studie weist auf ein potenziell wichtiges Prinzip für zukünftige Mikrobiom-Therapien hin: Ein stabiles und widerstandsfähiges Darmökosystem erfordert wahrscheinlich eine Zusammenarbeit zwischen mikrobiellen Gemeinschaften und dem alternden Immunsystem. Das Verständnis dieser Wechselwirkung könnte dazu beitragen, Interventionen zur Förderung eines gesunden Alterns zu verbessern“, erklärt Dr. Flávio Silva Costa.

Fahrplan für die zukünftige Forschung

Um die Hypothese zu überprüfen, schlagen die Forschenden als nächsten Schritt experimentelle Studien an kurzlebigen Modellorganismen mit definierten Mikrobiomen vor, wobei sich der am FLI intensiv für die Alternsforschung genutzte afrikanische Türkise Prachtgrundkärpfling (Nothobranchius furzeri) mit seiner kurzen Lebensspanne als ideales System anbietet, um die entscheidenden Mechanismen der Immunüberwachung zu untersuchen. Darüber hinaus sind Längsschnittstudien am Menschen erforderlich, um Veränderungen im Immunsystem und im Mikrobiom im Zeitverlauf gemeinsam zu verfolgen und so zu klären, ob der Verlust der Immunüberwachung den alternsbedingten Veränderungen im Mikrobiom tatsächlich vorausgeht.

Sollte sich die Hypothese bestätigen, könnte dies das Verständnis dieses Prozesses grundlegend verändern, da die Stabilität des Mikrobioms dann nicht allein eine Eigenschaft der Mikroben selbst wäre, sondern das Ergebnis einer lebenslangen, im Alter zunehmend außer Kontrolle geratenden Wechselwirkung zwischen Wirt und Mikrobiom – was völlig neue Perspektiven für Strategien eröffnet, die ein gesundes Altern fördern und alternsbedingten Krankheiten entgegenwirken könnten.

Quelle

Leibniz-Institut für Alternsforschung (FLI) (06/2026)

Publikation

Immune surveillance and microbial escape in the aging host: Why does the microbiome lose its balance? Liu S, Costa FS, Valenzano DR. PLoS Biol. 2026 May 20;24(5):e3003815. doi: 10.1371/journal.pbio.3003815.

https://doi.org/10.1371/journal.pbio.3003815

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