Ein bestimmtes Eiweiß im Blut, das herkömmlich als früher Hinweis auf Alzheimer gilt, spielt offenbar auch bei anderen Erkrankungen eine bedeutsame Rolle. Forschende des Deutschen Zentrums für Neurodegenerative Erkrankungen (DZNE) und des Hertie-Instituts für klinische Hirnforschung (HIH) an der Universität Tübingen haben entdeckt, dass erhöhte Werte des sogenannten phosphorylierten Tau-Proteins (pTau) ebenfalls bei zwei weniger bekannten Krankheiten auftreten, die vorwiegend Herz und Niere betreffen. Diese auf Daten von 280 älteren Menschen aus Deutschland, Italien und den Niederlanden basierenden Ergebnisse eröffnen neue Perspektiven für eine verbesserte Diagnostik.
Bei den untersuchten Erkrankungen handelt es sich um die Transthyretin-Amyloidose und die Immunglobulin-Leichtketten-Amyloidose, welche die häufigsten Formen einer systemischen Amyloidose darstellen. Ähnlich wie bei Alzheimer lagern sich hierbei fehlerhafte Eiweißstoffe, sogenannte Amyloide, im Körper ab, wobei dies jedoch vorwiegend in Herz und Niere geschieht und andere Moleküle involviert sind. Dennoch beobachteten die Tübinger Forschenden im Blut eine vergleichbare Reaktion, bei der die Konzentration des Proteins pTau signifikant erhöht war.
Neuer Ansatz für die Diagnose
Die aktuellen Forschungsergebnisse verdeutlichen das Potenzial des Blutmarkers pTau über die Alzheimer-Diagnostik hinaus. „Unsere Befunde unterstreichen, dass erhöhte Blutwerte von pTau nicht krankheitsspezifisch sind. Sie können nicht nur bei Alzheimer auftreten, sondern auch bei anderen Amyloid-Erkrankungen“, sagt Prof. Mathias Jucker, Forscher am DZNE und HIH. Da sich dieser Wert im Blut vergleichsweise unkompliziert bestimmen lässt, ergeben sich daraus neue Wege für die medizinische Praxis. „Damit eröffnen sich neue Möglichkeiten für die Diagnostik. Der Blutmarker pTau lässt sich vergleichsweise einfach messen. Er könnte dazu beitragen, diese systemischen Amyloidosen früher zu erkennen oder bestehende Verdachtsmomente gezielt abzuklären“, so Jucker weiter.
Differenzierte Alzheimer-Diagnostik und neue Chancen bei Nervenerkrankungen
Aus Sicht der Neurowissenschaft verdeutlichen die aktuellen Ergebnisse, wie essenziell eine umfassende Diagnostik bei Alzheimer ist, da der Blutspiegel von pTau allein kein eindeutiger Marker für diese Erkrankung darstellt. „Der Blutspiegel von pTau ist kein eindeutiger Alzheimer-Marker. Zusätzlich sollte man weitere Daten heranziehen, um eine Alzheimer-Erkrankung zu diagnostizieren oder deren weiteren Verlauf abzuschätzen. Im Gegensatz zu manchen Überlegungen sollte pTau nicht das alleinige Diagnosekriterium sein. Das ist umso wichtiger, wenn keine kognitiven Defizite vorliegen, sich die mutmaßliche Alzheimer-Erkrankung also noch im Frühstadium befindet“, erläutert Mathias Jucker.
Darüber hinaus sind die Studienergebnisse für die Abklärung einer Polyneuropathie (PNP) von Bedeutung, einer Nervenerkrankung, die sich häufig durch Kribbeln oder Taubheitsgefühle äußert. Während eine systemische Amyloidose eine mögliche Ursache darstellt, kommen oft auch andere Auslöser infrage. „Unsere Daten sprechen dafür, dass der pTau-Marker helfen könnte, eine durch Amyloidose verursachte PNP von einer PNP mit anderer Ursache abzugrenzen“, so Jucker weiter.
pTau als Stressindikator: Eine universelle Antwort des Körpers auf Amyloid
Hinsichtlich der Entstehung der erhöhten Werte vermutet Mathias Jucker, dass die Freisetzung von pTau eine Stressreaktion der umliegenden Zellen auf das Amyloid darstellt, die sich gleichermaßen im Gehirn wie in anderen Organen vollziehen kann. „Diese Stressreaktion kann durchaus auch positiv sein. Bei Tieren, die Winterschlaf halten, wurde in der Tat eine vorübergehende Erhöhung von pTau als Schutzmechanismus beschrieben“, so der Forscher. Die Ergebnisse der Untersuchung lassen darauf schließen, dass es sich bei einer gesteigerten pTau-Konzentration um eine fundamentale und weitverbreitete Reaktion des Organismus auf spezifische Reize handelt. „Unsere Befunde legen jedenfalls nahe, dass ein erhöhter pTau-Wert eine relativ weitverbreitete Reaktion des Organismus auf bestimmte Reize sein könnte“, resümiert Jucker.
Quelle
Deutsches Zentrum für Neurodegenerative Erkrankungen e.V. (DZNE) (03/2026)
Publikation
Blood phosphorylated Tau elevation in immunoglobulin light chain and transthyretin amyloidosis; Stephan A. Kaeser, Stephanie A. Schultz, Anna Hofmann et al.; Nature Medicine (2026); DOI: 10.1038/s41591-026-04272-2
https://doi.org/10.1038/s41591-026-04272-2