Beobachtung der Schwingungen von Atomen im Angström-Maßstab

13. Februar 2026

Die Analyse atomarer Schwingungen gibt Aufschluss über lokale Strukturen und Bindungen, welche maßgeblich die Materialeigenschaften prägen. Um diese Schwingungen präzise zu untersuchen, bietet die tip-enhanced Raman spectroscopy (TERS) eine extrem hohe Auflösung. Forscher des MPSD und MPIP, darunter Krystof Brezina, Mariana Rossi und Yair Litman, belegten nun, dass realistische Simulationen für die korrekte Interpretation von TERS-Bildern unerlässlich sind. Sie verdeutlichen insbesondere, wie Wechselwirkungen mit metallischen Substraten die Bildgebung im Nanobereich entscheidend beeinflussen.

Atomare Einblicke: Präzision durch tip-enhanced Raman-Spektroskopie

Auf der Nanoskala befinden sich alle Atome in ständiger Bewegung, wobei ihre spezifischen Schwingungsmuster maßgeblich die Wärmeableitung, chemische Reaktionen und Materialeigenschaften beeinflussen. Da diese Schwingungen eng mit der lokalen chemischen Bindung und Umgebung verknüpft sind, liefern sie wertvolle Erkenntnisse über die Zusammensetzung von Materie. Während herkömmliche Labormethoden wie die Raman-Streuung lediglich Durchschnittswerte über viele Atome liefern und somit räumlich begrenzt bleiben, überwindet die tip-enhanced Raman-Spektroskopie (TERS) diese Hürden. Durch die Kombination von Laserlicht mit einer präzisen Metallspitze wird das elektromagnetische Feld so stark fokussiert, dass eine Auflösung bis auf die Ångström-Skala (10-10 m) möglich wird. Dies erlaubt die Abbildung von Schwingungen einzelner Moleküle oder Defekte auf Metalloberflächen, erfordert jedoch für eine korrekte Deutung zuverlässige theoretische Modelle, die die Signale mit den tatsächlichen atomaren Bewegungen verknüpfen.

Simulationen als Schlüssel zur atomaren Signalanalyse

In der experimentellen Praxis stellt die Trennung verschiedener Umweltfaktoren, welche die TERS-Signale beeinflussen, eine erhebliche Hürde dar und erschwert das Verständnis einzelner atomarer Bewegungssignaturen. Um diese Komplexität zu bewältigen, rücken Simulationen in den Fokus: Die vorliegende Studie stellt eine Berechnungsmethode vor, die auf den grundlegendsten Gesetzen der Quantenmechanik basiert. Sie ermöglicht die effiziente Simulation von TERS-Signalen in realistisch dimensionierten Systemen mit hunderten Atomen. Dabei zeigt die Untersuchung auf, dass bisherige theoretische Vereinfachungen – etwa die Betrachtung von Molekülen als isolierte Systeme oder die Modellierung von Oberflächen mittels kleiner Cluster – unzureichend sein können, um die tatsächlichen physikalischen Gegebenheiten akkurat abzubilden.

Die Rolle der Metalloberfläche in der TERS-Bildgebung

Die Simulationen belegen eindrucksvoll, dass die TERS-Spektroskopie hochsensibel auf die Symmetrie lokaler Umgebungen reagiert, was beispielsweise die Identifizierung spezifischer Defekte in 2D-Materialien erlaubt. Dabei zeigt sich, dass die elektronische Abschirmung der Metalloberfläche jene Molekülschwingungen massiv verändert, die senkrecht zur Trägeroberfläche verlaufen, während Bewegungen innerhalb der Molekülebene deutlich stabiler bleiben. „TERS-Bilder werden oft als direkte Abbildungen der atomaren Bewegung interpretiert“, erklärt Mariana Rossi. „Unsere Ergebnisse zeigen, dass die elektronische Reaktion der Oberfläche das Signal dominieren und die Bedeutung dieser Bilder grundlegend verändern kann.“ Krystof Brezina ergänzt eine entscheidende physikalische Erkenntnis: „Eine neue physikalische Erkenntnis aus unserer Arbeit ist, dass räumlich nicht-lokale Wechselwirkungen zwischen Atomen die TERS-Signale an einem bestimmten Punkt im Raum stark beeinflussen können, was bedeutet, dass die hellsten Bereiche nicht unbedingt den größten atomaren Verschiebungen entsprechen.“

Wegweiser für die Oberflächenforschung

Die neue Methode steigert die Qualität der TERS-Bildgebung als nanoskalige Sonde erheblich, indem sie erstmals realistische und prädiktive Simulationen ermöglicht. Diese präzise Modellierung wird künftig in zahlreichen zukunftsweisenden Forschungsbereichen der Oberflächenwissenschaft eine Schlüsselrolle einnehmen. Dazu gehören neben der Genomsequenzierung und der Materialcharakterisierung auch das Design molekularer Bauelemente sowie die Operando-Überwachung oberflächenkatalysierter Reaktionen, die für die Gewinnung grüner Energie von zentraler Bedeutung sind.

Quelle

Max-Planck-Institut für Struktur und Dynamik der Materie (02/2026)

Publikation

Tip-Enhanced Raman Images of Realistic Systems through Ab Initio Modeling
K. Brezina, Y. Litman, M. Rossi
ACS Nano (2026)
https://dx.doi.org/10.1021/acsnano.5c16052

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