Düfte der Heimat: Die phönizischen Ölflaschen von Mozia

28. August 2025

Ein interdisziplinäres Forschungsteam unter der Leitung der Universität Tübingen hat 51 antike, keramische Ölgefäße aus der phönizischen Siedlung Mozia auf Sizilien untersucht. Die Gefäße stammen aus dem 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. und wurden in Gräbern, Häusern und heiligen Stätten gefunden. Die umfassende Analyse der Herstellung, Technologie und Inhalte dieser kleinen Flaschen zeigt, dass Düfte eine zentrale Rolle für die Identitätsbildung, Erinnerungskultur und den interkulturellen Austausch im eisenzeitlichen Mittelmeerraum spielten. Die Ergebnisse geben neue Einblicke in die immaterielle Dimension der Antike. Forschende der Universität Tübingen und der Complutense Universität Madrid leiteten die Studie.

Die untersuchten Gefäße – schlichte, kleine Keramikflaschen mit einer Höhe zwischen 15,5 und 18,5 cm – stammen aus dem 8. bis 6. Jahrhundert v. Chr. und wurden in der Regel in Gräbern, Häusern und heiligen Stätten gefunden. „Ihre weite Verbreitung im Mittelmeerraum und darüber hinaus lässt vermuten, dass diese Gefäße vielfältige Funktionen erfüllten“, sagt Dr. Adriano Orsingher von der Universidad Complutense de Madrid und der Universität Tübingen. Gemeinsam mit Dr. Silvia Amicone leitete er die Studie in Zusammenarbeit mit Universitäten in Italien und im Vereinigten Königreich.

Herkunft und Inhalt auf der Spur

Um die Herkunft und den Inhalt der Gefäße zu bestimmen, analysierte das Forschungsteam die Zusammensetzung der Keramik sowie organische Rückstände. Die Keramikanalyse deutet darauf hin, dass die Gefäße im südlichen Phönizien, im Gebiet zwischen dem heutigen Beirut und der Karmel-Region, hergestellt wurden. In acht der 51 Gefäße wurden organische Rückstände gefunden. Diese enthielten pflanzliche Lipide sowie Harze wie Kiefernharz und Mastixharz, was auf die ursprüngliche Verwendung als Duftöle hindeutet.

„Unsere Forschung bestätigt, dass diese Keramikgefäße zum Transport von aromatischen Ölen verwendet wurden“, sagt Amicone. „Diese Öle waren mehr als nur einfache Handelswaren. Sie fungierten als kulturelle Verbindungsglieder, als Ausdruck der Identität, die die phönizischen Migranten über das Mittelmeer hinweg begleitete. Sie dienten als Instrumente der Erinnerung, trugen den Duft der Heimat in sich und stärkten gemeinsame Praktiken und Geruchserlebnisse unter den verstreuten Gemeinschaften.“

In der Eisenzeit gab es im Mittelmeerraum intensive Mobilität, Handel und kulturelle Verflechtung. Eine der wichtigsten Kulturen in dieser Zeit waren die Phönizier, die als Seefahrer und Händler bekannt waren und sich weit über ihre Heimat in der Levante hinaus ausbreiteten. Ein zentraler Aspekt der phönizischen Kultur war die Herstellung und der Handel mit aromatischen Substanzen. Die Studie der Ölgefäße regt eine Neubewertung der antiken Migration, des Handels und der kulturellen Identität an. „Wir müssen die Mobilität in der Antike neu überdenken, nicht nur als Bewegung von Menschen und Gütern, sondern auch als Zirkulation von Gerüchen, Erinnerungen und sensorischen Traditionen“, sagt Orsingher. „Duft ist eng mit Identität verbunden. Er spielt eine entscheidende, wenn auch oft übersehene Rolle in Prozessen der Migration, der Besiedlung und des kulturellen Austauschs.“

Ein Netzwerk aus Duft und Identität

„Unsere Arbeit unterstreicht das Potenzial der interdisziplinären Wissenschaft, auch die immateriellen Dimensionen der Antike zu erschließen“, sagt Amicone. „Durch die Untersuchung des Inhalts dieser Gefäße und ihrer Verwendung gewinnen wir einzigartige Einblicke in die Art und Weise, wie Düfte Leben, Landschaften und Identitäten im antiken Mittelmeerraum miteinander verbanden“, fügt Orsingher hinzu.

Professorin Dr. Dr. h.c. (Dōshisha) Karla Pollmann, Rektorin der Universität Tübingen, sagt: „Innovative Forschungsansätze liefern weiterhin überraschende Einblicke in die Vergangenheit. Diese Studie zeigt, wie selbst schwer fassbare Spuren wie antike Düfte durch interdisziplinäre Methoden einen Zugang zur Sinnes- und Kulturwelt der Antike eröffnen.“

Quelle

Universität Tübingen (08/2025)

Publikation

Adriano Orsingher, Baptiste Solard, Erika Ribechini, Irene Bertelli, Lara Maritan, Kamal Badreshany & Silvia Amicone: Scents of Home: Phoenician Oil Bottles from Motya. Journal of Archaeological Method and Theory 32 (4) 2025
https://doi.org/10.1007/s10816-025-09719-3

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