Obwohl Sarajevo als Olympiastadt von 1984 bekannt ist, sorgt sie heute leider vermehrt durch Negativrekorde bei der Luftverschmutzung für Aufsehen. Insbesondere im Winter übersteigt die Feinstaubbelastung in der Hauptstadt von Bosnien und Herzegowina sogar die Werte der chinesischen Metropole Beijing. Diese besorgniserregenden Erkenntnisse lieferte das internationale Forschungsprojekt SAAERO (Sarajevo Aerosol Experiment). Unter der gemeinsamen Federführung der Universität von Nova Gorica, des hydrometeorologischen Bundesinstituts in Bosnien und Herzegowina sowie des Labors für Atmosphärenchemie am PSI waren Forschende aus insgesamt acht Ländern an den Untersuchungen beteiligt.
Anfang 2023 führte das Team um André Prévôt innerhalb von drei Wochen insgesamt 39 Messfahrten durch die Stadt durch. Mit dem Smog-Mobil des PSI, einem Kastenwagen, der als voll ausgestattetes mobiles Labor fungiert, steuerten die Forscher sowohl dicht bebaute Wohnquartiere an den Talhängen als auch zentrale Hauptverkehrsachsen an. Die Ergebnisse verdeutlichen die lokale Tragweite des Problems. „Mit den mobilen Messungen haben wir erstmals sichtbar gemacht, wo besonders hohe Belastungen auftreten“, sagt Prévôt. „Teilweise gibt es grosse Unterschiede zwischen benachbarten Strassenzügen.“
Die Analyse der Daten erlaubte es den Forschenden zudem, die Hauptverursacher der schlechten Luft zu identifizieren. „Vor allem das Heizen mit festen Brennstoffen wie Holz und Kohle in Wohnquartieren treibt abends die Feinstaubkonzentration in die Höhe“, so Prévôt. Die Auswertungen zeigen, dass rund zwei Drittel der Messwerte über dem von der Weltgesundheitsorganisation empfohlenen Tagesgrenzwert für Feinstaub (PM2.5) von 15 Mikrogramm pro Kubikmeter lagen. In der Spitze wurden kurzzeitig sogar Werte von mehreren Hundert Mikrogramm pro Kubikmeter gemessen.
Ungleiche Belastung am Abend
Während die Feinstaubbelastung innerhalb Sarajevos tagsüber noch recht gleichmäßig verteilt ist, zeigt sich am Abend ein völlig anderes Bild. In den Wohngebieten außerhalb des Zentrums steigen die Konzentrationen dann massiv an, wobei bis zu sechzig Prozent der organischen Feinstaubpartikel auf das Heizen mit Holz zurückzuführen sind. Besorgniserregend ist dabei auch die Entdeckung des PSI-Teams, das hohe Konzentrationen von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen nachweisen konnte, welche als krebserregend gelten.
Auch das bekannte Altstadtviertel Baščaršija im Osten der Stadt bleibt von der schlechten Luftqualität nicht verschont, wobei die Ursachen hier anderer Natur sind. Die Emissionen stammen weniger von Holzheizungen als vielmehr aus den Küchen der zahlreichen Restaurants. „Man hat hier immer den Geruch von gegrilltem Fleisch in der Nase“, sagt Katja Džepina. Für die dortigen Anwohnenden gibt es jedoch einen klimatischen Lichtblick: In der Nacht strömt frische Luft von Osten her in das Tal, wodurch die Schadstoffwerte im Vergleich zum Westen der Stadt deutlich schneller wieder absinken.
Schwefeldioxid aus alten Kraftwerken
Ein weiterer kritischer Schadstoff in der Luft ist Schwefeldioxid, wobei 81 Prozent aller europäischen Emissionen dieses Gases aus dem Westbalkan stammen – primär verursacht durch veraltete Kohlekraftwerke aus sowjetischer Ära. Den drastischen Unterschied in der Luftqualität erlebten die PSI-Forschenden direkt während ihrer Anreise: Während die Schwefeldioxid-Werte bei der Abfahrt mit ihrem mobilen Labor in Zürich kaum messbar waren, schnellten sie in die Höhe, sobald das Team Bosnien und Herzegowina erreichte. Insbesondere in den Talstrukturen in und um Sarajevo blieben diese Werte auf einem konstant hohen Niveau.
Um die Luftsituation über Sarajevo nachhaltig zu verbessern, wäre es notwendig, möglichst viele Gebäude energetisch zu dämmen und an das Gasnetz anzuschließen. Da dies jedoch insbesondere an den steilen Hängen der Stadt technisch schwierig umzusetzen ist, zeichnet sich derzeit keine schnelle Lösung ab. Als zusätzliche praktikable Alternative zum Erdgas könnten sauberere Pelletheizungen dazu beitragen, die Belastung zu senken.
Toxizität von Luftschadstoffen
Diese Belastung hat gravierende Folgen für die Gesundheit der Bevölkerung. Eine internationale Studie untersuchte kürzlich die Toxizität von Luftschadstoffen und kam zu dem Schluss, dass nicht allein die Menge des Feinstaubs entscheidend ist. Kritisch bewertet wird vor allem der durch die Partikel ausgelöste oxidative Stress in der Lunge, der Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen hervorrufen und zu vorzeitigen Todesfällen führen kann. Bereits in dieser Untersuchung nahm Sarajevo eine unrühmliche Spitzenposition ein. Nach Schätzungen der Forschenden könnten in Bosnien-Herzegowina jährlich etwa 5000 Menschenleben gerettet werden, wenn es gelänge, die Luftschadstoffe um 50 Prozent zu senken.
Vor diesem Hintergrund empfiehlt André Prévôt, die Messungen der Luftqualität im Westbalkan durch den Aufbau sogenannter „Supersites“ zu verstetigen. Dabei handelt es sich um feste Messstationen, die Luftwerte über Jahre hinweg kontinuierlich erfassen und somit eine verlässliche Vergleichbarkeit gewährleisten. „Die Region ist nach wie vor nicht ausreichend erforscht“, so Prévôt. Sein Team beabsichtigt, diese Wissenslücke in den kommenden Monaten zumindest teilweise zu schließen, indem weitere Daten aus der Messkampagne von Anfang 2023 detailliert ausgewertet werden. Ein Schwerpunkt der weiteren Forschung soll dabei auf der Frage liegen, wie die hohe Konzentration von Schwefeldioxid die chemischen Prozesse in der Atmosphäre nachhaltig verändert.
Quelle
Paul Scherrer Institut PSI (01/2026)
Publikation
Assessing the severe urban pollution crisis in Sarajevo, Bosnia and Herzegovina: mobile measurements and source characterization
Bauer M, Slowik JG, Via M, Khare P, Chazeau B, Glojek K, et al.
Environment International, 06.01.2026 (online)
DOI: 10.1016/j.envint.2025.110009
https://doi.org/10.1016/j.envint.2025.110009