In naturwissenschaftlichen Sammlungen auf der ganzen Welt lagert ein ungehobener Schatz: die DNA von sogenannten Typusexemplaren. Von jeder bekannten Art gibt es irgendwo auf der Welt ein solches Referenzobjekt – sei es ein Tier, eine Pflanze oder ein Fossil –, das zur offiziellen Erstbeschreibung und Benennung verwendet wurde. Diese einmaligen Unikate sind die „offiziellen Nachschlagewerke“ der Natur. Sie bilden das Rückgrat für die Identifizierung und Einordnung allen Lebens auf der Erde.
Ein Forschungsteam, darunter Prof. Dr. Steffen Pauls, plädiert nun in einem gemeinsamen Appell für eine gezielte und umfassende Genomsequenzierung dieser Bestände. Die Forschenden um Dr. Harald Letsch betonen die enorme Bedeutung dieser genetischen Codes. Sie zeigen auf, wie modernste Technologien die Erstellung „digitaler Zwillinge“ dieser oft historischen Exponate ermöglichen.
Das Fundament unseres Artverständnisses
„Typusexemplare sind das Fundament unserer biologischen Namensgebung und unseres Artverständnisses“, erklärt Dr. Harald Letsch. „Wenn wir ihre Genome entschlüsseln, können wir besser verstehen, wie Arten miteinander verwandt sind, wie sie sich entwickelt haben – und wie wir sie schützen können.“ Doch die Zeit hinterlässt Spuren. Viele dieser Stücke sind jahrhundertealt, empfindlich und durch Alterungsprozesse oder Naturkatastrophen gefährdet. Bisher standen der Schutz dieser Objekte und ihre wissenschaftliche Nutzung oft im Widerspruch, da jede Untersuchung ein Risiko für die Substanz darstellte.
Dank neuer Sequenzierungstechnologien und minimal-invasiver DNA-Entnahmemethoden ist es heute jedoch möglich, wertvolle Informationen zu gewinnen, ohne die Originale zu gefährden. Durch die Kombination aus hochauflösender Bildgebung, morphometrischen Daten und genetischen Informationen entstehen digitale Abbilder, die global geteilt werden können. „Technologien wie hochauflösende Bildgebung und minimal-invasive DNA-Entnahme verändern alles“, betont Dr. Steffen Pauls. „Wir können einmalig große Datenmengen aus einem Exemplar gewinnen – und diese Informationen dann global teilen, ohne das Original erneut zu belasten.“
Zusammenarbeit als Schlüssel zum Erfolg
Um dieses Potenzial voll auszuschöpfen, schlägt das Team eine engere Allianz zwischen Kuratorinnen, Taxonominnen und Genomforscher*innen vor. „Zusammenarbeit ist der Schlüssel, um sowohl die Qualität als auch die Menge der Daten aus Typusexemplaren zu optimieren. Idealerweise wird ein Typusexemplar nur einmal physisch angefasst, um möglichst viele Informationen zu gewinnen“, so Pauls weiter.
Ergänzt wird dies durch die Perspektive von Dr. Jenna Moore vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels: „Der Aufbau datenreicher, umfassend digitalisierter Sammlungen durch Projekte wie die Typus-Genomik macht Biodiversitätsinformationen für die weltweite Forschung zugänglich und unterstreicht den Wert von Museumssammlungen als zentrale Forschungsinfrastruktur und lebendige Archive der Erdgeschichte.“
Eine globale Infrastruktur für die Zukunft
Künftig könnten museale Netzwerke und standardisierte Protokolle sicherstellen, dass genomische Daten weltweit verfügbar sind. Dr. Iker Irisarri vom Leibniz-Institut zur Analyse des Biodiversitätswandels und dem Museo Nacional de Ciencias Naturales in Madrid hebt hervor: „Der Aufbau vernetzter Kataloge naturkundlicher Sammlungen kann die Beschreibung neuer Arten beschleunigen und die Erhaltung der Biodiversität gezielt unterstützen – vorausgesetzt, die entsprechenden Genomdaten sind offen zugänglich.“
Die Initiative markiert einen entscheidenden Schritt in der digitalen Transformation der Naturkundemuseen. Dr. Harald Letsch ist überzeugt: „Die Bereitstellung genomischer Informationen aus Typusexemplaren ist ein entscheidender Schritt in der digitalen Transformation naturkundlicher Sammlungen. Mit gemeinschaftlicher Expertise und moderner Technologie können wir die Forschung revolutionieren und biologisches Wissen für kommende Generationen bewahren.“
Quelle
Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung (01/2026)
Publikation
Harald Letsch et al., Type genomics: a Framework for integrating Genomic Data into Biodiversity and Taxonomic research, Systematic Biology, Volume 74, Issue 6, November 2025, Pages 1029–1044 https://doi.org/10.1093/sysbio/syaf040