In einer groß angelegten Studie haben Forschende erstmals umfassend untersucht, wie Plasmaproteine mit genetischen Varianten bei Menschen afrikanischer Herkunft zusammenhängen. Damit rückt eine Bevölkerungsgruppe in den Fokus, die in der medizinischen Forschung bislang stark unterrepräsentiert war. Die gewonnenen Erkenntnisse könnten künftig dabei helfen, Typ-2-Diabetes früher und präziser zu diagnostizieren. Ebenfalls könnte man Therapien entwickeln, die gezielter auf die Bedürfnisse afrikanischer Patient:innen zugeschnitten sind.
Durchgeführt wurde die Untersuchung von Helmholtz Munich in enger Zusammenarbeit mit der Queen Mary University of London, der Technischen Universität München sowie dem Medical Research Council/Uganda Virus Research Institute und der London School of Hygiene & Tropical Medicine Uganda Research Unit.
Typ-2-Diabetes in Afrika bleibt oft unerkannt
Typ-2-Diabetes (T2D) entwickelt sich in Subsahara-Afrika zunehmend zu einem ernsthaften Gesundheitsproblem, das jedoch häufig unentdeckt bleibt oder falsch diagnostiziert wird. Ein wesentlicher Grund für diese Problematik liegt darin, dass viele gängige Diagnosemarker, wie etwa das glykierte Hämoglobin (HbA1c), ursprünglich für europäische Populationen entwickelt wurden. Aufgrund genetischer sowie biologischer Unterschiede können diese bei afrikanischen Bevölkerungsgruppen weniger zuverlässig sein. Groß angelegte genetische und proteomische Studien in Afrika fehlen bislang. Daher bestehen erhebliche Wissenslücken, die die Entwicklung wirksamer Diagnose- und Therapieansätze für diese Gemeinschaften erschweren.
„Indem wir afrikanische Populationen gezielt in den Fokus rücken, gewinnen wir biologische Erkenntnisse, die in der globalen Diabetesforschung bislang gefehlt haben“, erklärt Dr. Opeyemi Soremekun. „Unsere Ergebnisse zeigen: Ein ‚One-size-fits-all‘-Ansatz reicht bei Diagnose und Behandlung nicht aus – wir brauchen Lösungen, die der Vielfalt der menschlichen Biologie gerecht werden.“
Einzigartige Proteinmuster liefern neue Erkenntnisse über Typ-2-Diabetes
Durch die Kombination genomischer Daten mit Plasmaproteom-Analysen einer ugandischen Kohorte identifizierten Forschende fast 400 genetische Regionen, die die Konzentration zirkulierender Proteine beeinflussen. Dabei waren 58 dieser Regionen bislang bei Menschen afrikanischer Abstammung unbekannt. Zudem wurden 18 Proteine entdeckt, die vermutlich in einem kausalen Zusammenhang mit Typ-2-Diabetes stehen. Von denen könnten einige bereits durch bestehende Medikamente gezielt beeinflusst werden.
Besonders bemerkenswert ist, dass mehrere Proteine wie Apolipoprotein F und Lipoproteinlipase bei den ugandischen Teilnehmenden einzigartige Muster aufzeigten, die in europäischen Populationen nicht beobachtet wurden. Dies unterstreicht die Relevanz populationsspezifischer Erkenntnisse für die medizinische Forschung. Diese Ergebnisse vertiefen das Verständnis der biologischen Grundlagen von Typ-2-Diabetes. Sie stellen der internationalen Forschungsgemeinschaft einen öffentlich zugänglichen Datensatz zur Verfügung.
„Unsere Analyse hat Proteinveränderungen und genetische Signale aufgedeckt, die spezifisch für Populationen afrikanischer Abstammung sind“, erklärt Prof. Segun Fatumo. „Die Ergebnisse zeigen potenzielle neue Biomarker für Typ-2-Diabetes auf und eröffnen Wege für Therapien, die gezielt auf die biologischen Profile dieser Gemeinschaften zugeschnitten sind.“
Forschung auf ganz Afrika ausweiten
Das Forschungsteam plant bereits, seine Arbeit auf weitere afrikanische Bevölkerungsgruppen auszudehnen. Die enorme genetische, kulturelle sowie umweltbedingte Vielfalt des Kontinents verdeutlicht, dass Typ-2-Diabetes keinem einheitlichen biologischen Muster folgt. Eine detaillierte Kartierung dieser Unterschiede soll dabei helfen, repräsentative Biomarker und maßgeschneiderte Therapieansätze zu entwickeln. Damit will man letztlich Millionen von Menschen eine präzisere Gesundheitsversorgung ermöglichen.
„Unsere Ergebnisse legen den Grundstein für zukünftige klinische Anwendungen – von verbesserten Diagnosemarkern bis hin zu potenziellen therapeutischen Zielstrukturen“, sagt Prof. Eleftheria Zeggini. „Indem wir genetische Vielfalt in der Forschung berücksichtigen, kommen wir einer Präzisionsmedizin, die für alle funktioniert, einen großen Schritt näher.“
Quelle
Helmholtz Zentrum München Deutsches Forschungszentrum für Gesundheit und Umwelt (GmbH) (01/2026)
Publikation
Soremekun et al., 2025: Linking the plasma proteome to genetics in individuals from continental Africa provides insights into type 2 diabetes pathogenesis. Nature Genetics. DOI: 10.1038/s41588-025-02421-w
https://www.nature.com/articles/s41588-025-02421-w