Home arrow Meldungen arrow News arrow Gehalte von Morphin und Thebain in Mohnbrötchen: aktuell so hoch wie noch nie
Donnerstag, 23. März 2017
 
 
analytik.de
analytik.de - news
Gehalte von Morphin und Thebain in Mohnbrötchen: aktuell so hoch wie noch nie
ImageMohnbrötchen, die unter Verwendung von Mohnsaat aus Australien hergestellt werden, können Morphin und Thebain in bedenklich hohen Konzentrationen enthalten. Vier Proben Mohnbrötchen wurden wegen sehr hoher Morphingehalte als nicht sicher beanstandet. Auch Thebain war in bedenklich hohen Konzentrationen enthalten. Drei dieser Proben waren mit australischem Mohn hergestellt. Australien deckt durch seinen Anbau von Mohnpflanzen einen Großteil des Weltmarktbedarfs an Opiaten. Neben Morphin war auch Thebain in einer Reihe von Proben enthalten. Thebain ist ein bisher analytisch wenig beachtetes Mohn-Opiat mit unzureichender toxikologischer Bewertung. Opiatreiche Mohnsorten, die zur Gewinnung von Arzneimitteln angebaut werden, sollten nicht für den Lebensmittelbereich verwendet werden.

Unzureichende Datenlage beim Gehalt von Morphin und Thebain in Backwaren

Zum Gehalt von Morphin, Codein, Papaverin und Noscapin in Mohnsamen stehen ausreichend viele Daten zur Verfügung. Die Datenlage zum Gehalt von Opiaten in Backwaren mit Mohn ist dagegen unzureichend (EFSA 2011). Gleiches gilt für die Gehalte der Begleit-Opiate Thebain und Oripavin und deren toxikologische Beurteilung.

Bei der Herstellung von Mohnbrötchen und Feinen Backwaren mit Mohn kann die Verarbeitung des Mohns (Backen und ggf. Mahlen) zu einem Abbau des vorhandenen Morphins und Codeins führen. Dies ist mittlerweile unbestritten (Sproll et al. 2006, 2007, General et al. 2007). So unterliegen backfertige Mohnmassen, die der Herstellung von Mohnkuchen und Feinen Backwaren mit Mohn dienen, intensiven Verarbeitungsprozessen. Demzufolge zeigten z.B. industriell hergestellte Mohnmassen bisher nur geringe Gehalte.

Eine exakte Abschätzung des Morphingehaltes in einer Backware, ausgehend vom Morphingehalt des verwendeten Mohns ist nicht möglich. Zu viele Faktoren spielen hier eine Rolle.

Die enthaltenen Enzyme (Phenoloxidasen) und weitere Inhaltstoffe des vorhandenen Opiatharzes sind von entscheidender Bedeutung. Als Abbauprodukt für Morphin kommt z.B. das pharmakologisch unwirksame Oxydimorphin in Frage (Schenck 1960, Schenck et al. 1962, 1967).

Vier Mohnbrötchen des Untersuchungsjahrs 2016 aufgrund überhöhter Gehalte an Morphin beanstandet

Bei den Untersuchungen 2016 lagen die Morphin-Gehalte von insgesamt vier Proben Mohnbrötchen so hoch, dass die Proben als „nicht zum Verzehr geeignet“ beurteilt wurden. Drei dieser Proben waren mit australischem Mohn hergestellt.

Zur Beurteilung der Verkehrsfähigkeit wurde die von der EFSA (2011) veröffentlichte akute Referenz-Dosis (ARfD) für Morphin herangezogen. Die ARfD gilt als die Dosis, deren Aufnahme mit einer Portion oder über den Tag verteilt noch als duldbar eingestuft wird. Zur niedrigsten therapeutisch verwendeten Dosis ist hier nur ein Sicherheitsfaktor von 3 berücksichtigt. Bereits beim Verzehr eines einzigen derartigen Brötchens wird die ARfD für ein 15 kg schweres Kind für Morphin zu über 200 % ausgeschöpft. Das bedeutet, dass ein Kind mit einem Brötchen schon zwei Drittel einer Dosis Morphin aufnimmt, die im humanmedizinischen Bereich als wirksame Dosis zur Linderung von schweren Schmerzen betrachtet wird.
 
Ist australischer Mohn zur Herstellung von Lebensmitteln geeignet?

Australien deckt durch seinen Mohnanbau einen Großteil des Weltmarktbedarfs an Opiaten zur Arzneimittel-Herstellung. Es werden besonders Morphin- und Thebain-reiche Sorten angebaut. Der Verzehr von Mohnsaat als Lebensmittel ist dort wenig üblich. In Europa liegen dagegen jahrhundertelange Erfahrungen zum Anbau von Mohn für den Lebensmittelbereich vor. Zucht und Anbau von Mohnpflanzen sowie die Reinigung der gewonnenen Mohnsaat dienten immer der Gewinnung opiatarmer Mohnsaat. Als Resultat der Bemühungen um morphinarme Mohnsaat wurden in Europa im Jahr 2014 mit einem „Code of Practice“ Anbaurichtlinien der Europäischen Gemeinschaft zur Gewinnung von Mohnsaat veröffentlicht.

Mohn, der zur Gewinnung von Arzneimitteln dient, sollte keinesfalls im Lebensmittelbereich eingesetzt werden. Mohn darf nur dann zur Lebensmittelherstellung eingesetzt werden, wenn der verantwortliche Hersteller sicherstellen kann, dass keine überhöhten Gehalte an Opiaten im verzehrsfähigen Lebensmittel auftreten.

 
Thebain-Gehalt in Backwaren – eine unerkannte Gefahr?

lm Jahr 2016 wurden bisher 49 Proben auf Thebain untersucht. Für Thebain trafen die laut EFSA (2011) für europäische Mohnsaat veröffentlichten Zahlen zum Anteil von Thebain am Gesamt-Opiatgehalt nicht zu. Demnach ist der Thebain-Gehalt bei Mohnsaat europäischer Herkunft vernachlässigbar.

Bei zwölf der hier aktuell untersuchten 49 Proben wurden signifikante Mengen an Thebain (maximal 2.900 ?g/kg) festgestellt. Die Anteile von Thebain am Gesamt-Opiatgehalt lag bei diesen Proben zwischen 11 und 83 %. Bei vier dieser zwölf Proben stellte Thebain sogar das Haupt-Opiat dar. Bei den hier untersuchten Proben ergab sich ein durchschnittlicher Thebain-Anteil am Gesamt-Opiatgehalt von 26 %. Dabei ist besonders zu berücksichtigen, dass dreiviertel der im Jahr 2016 untersuchten Proben kein Thebain enthielten.

Thebain in Mohnsaat – ein besonders starkes Betäubungsmittel?

Thebain wird als Ausgangsstoff zur Herstellung von Oxycodon benötigt, einem Schmerzmittel mit hohem Weltmarkanteil. Laut Betäubungsmittelgesetz handelt es sich bei Thebain um eine verkehrsfähige, aber nicht verschreibungsfähige Substanz. Zur Toxikologie ist wenig bekannt.

Die akute Toxizität von Thebain ist, abgeleitet aus der LD50, höher als die von Morphin. Laut Literatur wirkt es ähnlich wie Strichnin und führt zu Krämpfen. Aufgrund der großen Ähnlichkeit der chemischen Struktur von Thebain und Morphin ist es denkbar, dass Thebain im Körper zu Morphin umgewandelt wird. Für Codein, dem Mono-Methylether des Morphins ist die Umwandlung zu Morphin im Körper bekannt. Codein und sein Metabolit Morphin treten in die Muttermilch über. Codeinhaltige Arzneimittel müssen seit 2007 auf Veranlassung des Bundesinstitut für Arzneimittel und Medizinprodukte (BfArM) mit einem Warnhinweis gekennzeichnet sein, dass sie nicht während der Stillzeit eingenommen werden dürfen. Vorangegangen war ein Fallbericht über den Tod eines Säuglings, der an einer durch Stillen erworbenen Morphin-Überdosierung starb, nachdem seine Mutter codeinhaltige Schmerzmittel eingenommen hatte (Koren et al. 2006)).

Die vorliegenden Untersuchungsdaten wurden dem Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft zur Verfügung gestellt, damit das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) und die Europäische Behörde für Lebensmittelsicherheit (EFSA) diese Daten für eine toxikologische Risikobewertung von Thebain verwenden können.

Diskussion um Höchstmengen für Morphin in Mohnsaat

Diskussionen um die Festlegung einer Höchstmenge für den Morphin-Gehalt von Mohnsaat werden in den entsprechenden EU-Gremien seit Jahren geführt. Die Festlegung einer Höchstmenge für Morphin und andere Opiate in Mohnsaat ist sicher sinnvoll. Die aktuelle Datenlage zeigt jedoch klar, dass nur die Festlegung einer Höchstmenge für den Gesamt-Opiat-Gehalt im Lebensmittel einen sinnvollen Beitrag zur Sicherheit der Verbraucher leisten kann.


Den Artikel finden Sie unter:

http://www.ua-bw.de/pub/beitrag.asp?subid=2&Thema_ID=2&ID=2327&lang=DE&Pdf=No

Quelle: Chemisches und Veterinäruntersuchungsamt Karlsruhe (08/2016)


Publikation:
Code of Practice: Empfehlung der EU-Kommission 662/2014 über gute Praxis zur Vermeidung und Verringerung des Vorhandenseins von Opiumalkaloiden in Mohnsamen und Mohnerzeugnissen (ABl. 2014 L 662)

EFSA (2011): Scientific Opinion on the risk for public health related to the presence of opium alkaloids in poppy seed. EFSA Journal 9(1):2405 http://www.efsa.europa.eu/de/press/news/111108b

General et. al 2006: General J, Unbehend G, Lindhauer M G, Kniel B, Moser M (2007): Untersuchungen zur Reduzierung von Morphin in Mohnsamen und Mohngebäcken mit praktikablen technologischen Maßnahmen / Getreidetechnologie 61 (1): 36-42 `

Schenck et. al. 1960: Schenck, G.; Frömming, K. H.; Wiechula, W.; Schwalb, E. (1960): Über die Einwirkung der Phenoloxidase aus Papaver somniferum auf Morphin. Arch. Pharm. Ber. Dtsch. Pharm. Ges., 293 (65),312-324.

Schenck et. al. 1962: Schenck, G.; Frömming, K. H.; Kluge, H. J. (1962): Über die Morphin-Verluste in Mohnkapseln (Papaver somniferum L.). Pharm. Ztg., 107 (51/52), 1777-1778.

Schenck et. al. 1967: Schenck, G. (1967): Untersuchungen über die Stabilität einiger pflanzlicher Arzneimittel bei der Einwirkung von Sauerstoff und Licht. Dtsch. Apoth. Ztg., 107 (43), 1516-1521

Sproll et. al. 2006: Sproll C, Perz RC, Lachenmeier DW (2006): Optimized LC/MS/MS Analysis of Morphin and Codein in Poppy Seed and Evaluation of Their Fate during Food Processing as a Basis for Risk Analysis. J Agric Food Chem 54:5292-5298

Sproll et. al. 2007: Sproll C, Perz R C, Buschmann R, Lachenmeier DW (2007): Guidelines for reduction of morphin in poppy seed intended for food purposes. Eur Food Res Technol 22 (61),307-310

Koren et. al 2006: Koren, G., Cairns, J., Chitayat, D., Gaedigk, A., & Leeder, S. J. (2006). Pharmacogenetics of morphine poisoning in a breastfed neonate of a codeine-prescribed mother. The Lancet, 368(9536), 704.

 
 
  Top
LogIn